Aktie nicht mehr handelbar – und jetzt?
Ein Anleger will seine Aktien verkaufen. Kein exotischer Wunsch, das Papier hat über 99 Prozent verloren, die Sache ist erledigt. Doch dann die Überraschung: Kein deutscher Handelsplatz stellt mehr Kurse. Die Order läuft ins Leere. Die Aktie liegt im Depot wie festgetackert.
Genau diesen Fall habe ich kürzlich als WiWo Coach für die WirtschaftsWoche beantwortet (zum Artikel, Bezahlschranke). Hier im Blog will ich das Thema etwas breiter aufziehen. Denn die eigentliche Erkenntnis steckt nicht in diesem einen Papier, sondern in einer Frage, die sich kaum jemand vor dem Kauf stellt: Kann ich das eigentlich jederzeit wieder verkaufen?
Warum eine Aktie in Deutschland einfach verschwinden kann
Wer eine US-Aktie über deutsche Handelsplätze wie Tradegate, Gettex oder Lang & Schwarz kauft, handelt nicht in New York. Er handelt auf einem deutschen Zweitmarkt, auf dem ein Market Maker Kurse stellt – freiwillig, als Dienstleistung, nicht als Verpflichtung. Das funktioniert, solange sich der Market Maker an der Heimatbörse absichern kann. Trocknet der Handel dort aus oder springt der Kurs wild hin und her, zieht er sich zurück. Ein Recht auf Handelbarkeit in Deutschland existiert nicht. Das steht in keiner Werbung, gehört aber zur Wahrheit über den bequemen Auslandshandel.
Betroffen sind davon fast nie die großen Namen. Es trifft die kleinen, spekulativen Werte mit dünnen Umsätzen. Also genau die Papiere, bei denen Anleger irgendwann dringend raus wollen.
Der Ausweg führt über die Heimatbörse
Solange die Aktie an ihrer Heimatbörse notiert ist, lässt sie sich dort verkaufen. Die praktische Frage lautet: Kommen Sie da ran?
Prüfen Sie zuerst, ob Ihr Broker den Handel an US-Börsen anbietet. Bei vielen Banken und Onlinebrokern ist das der Fall, manchmal muss der Auslandshandel erst freigeschaltet werden. Günstige Neobroker beschränkten sich dagegen lange auf ein oder zwei deutsche Handelsplätze – im Alltag merkt das niemand, im Ernstfall ist es die Sackgasse. Immerhin bewegt sich hier etwas: Trade Republic etwa hat im Sommer 2026 sein Handelssystem umgebaut und bietet seither auch Orders direkt an der Nasdaq oder NYSE an.
Führt bei Ihrem Anbieter kein Weg an die Heimatbörse, bleibt der Depotübertrag zu einem Broker mit US-Zugang. Der kostet in Deutschland nichts, braucht aber Geduld: zwei bis drei Wochen sind normal.
Beim Verkauf selbst gilt: Rechnen Sie vorher. US-Orders kosten mehr als Inlandsorders, dazu kommt der Umtausch von Dollar in Euro. Wenn die Position nur noch wenige hundert Euro wert ist, kann von Ihrem Erlös wenig bis nichts übrig bleiben. Und setzen Sie ein Limit. In einem dünnen Orderbuch wird eine unlimitierte Order schnell zu einem Kurs ausgeführt, den Sie so nie akzeptiert hätten.
Wenn sich der Verkauf nicht mehr lohnt
Frisst die Gebühr den Erlös auf, gibt es eine unspektakuläre Alternative: Fragen Sie Ihre Depotbank, ob sie die Position als wertlos ausbucht. Manche Broker machen das.
Steuerlich verlieren Sie in beiden Fällen nichts. Der realisierte Verlust landet im Verlustverrechnungstopf für Aktien und mindert künftige Aktiengewinne – beim Verkauf genauso wie bei der wertlosen Ausbuchung. Werfen Sie danach trotzdem einen Blick in Ihre Steuerbescheinigung, ob der Verlust auch tatsächlich erfasst wurde. Falls nicht, machen Sie ihn über die Steuererklärung geltend.
Die unbequeme Frage: Warum liegt das Ding überhaupt noch im Depot?
Man könnte so eine Position natürlich auch behalten und auf Erholung warten. Von diesem Prinzip Hoffnung halte ich sehr wenig. Halten ist nur dann eine Entscheidung, wenn Sie gut begründen können, warum eine Erholung realistisch ist. Bei minus 99 Prozent wird Ihnen das kaum gelingen.
Viele Anleger schleppen ihre Depot-Leichen trotzdem jahrelang mit sich herum. Der Grund ist selten rational: Erst der Verkauf macht den Fehler endgültig, und genau dieses Eingeständnis scheut man. Dabei kostet das Zaudern doppelt. Das gebundene Geld könnte woanders längst wieder Rendite erwirtschaften. Und es zehrt an den Nerven, den notorischen Verlustbringer bei jedem Depot-Login wiederzusehen.
Ich spreche da übrigens aus eigener Erfahrung. In meinem Depot lag vor vielen Jahren noch eine Intershop-Aktie, ein Überbleibsel aus den glorreichen Zeiten des Neuen Markts. Verkauft habe ich sie am Ende mit 99 Prozent Verlust. Nicht, weil der Zeitpunkt besonders schlau gewesen wäre – sondern weil ich diese Leiche schlicht nicht länger im Keller liegen haben wollte. Meine Lektion hatte ich da längst gelernt, der Verkauf war nur noch der überfällige Schlussstrich.
Mein Rat ist hier eindeutig: Treffen Sie eine klare Entscheidung, realisieren Sie den Verlust – und fragen Sie sich ehrlich, wie es zu diesem Kauf kam. Der Verlust verschwindet zwar aus der Depotanzeige, aus Ihrer persönlichen Anlagebilanz verschwindet er nicht. Das klingt hart, ist aber die wertvollste Lektion an der ganzen Sache.

Was Sie aus solchen Fällen mitnehmen sollten
Wer unbedingt Einzelaktien kaufen will, sollte vor dem Kauf auf drei Dinge achten: eine gewisse Unternehmensgröße, ordentliche Handelsumsätze an möglichst mehreren Börsen – und einen Broker, der neben deutschen Handelsplätzen auch die jeweilige Heimatbörse anbietet. Der billigste Anbieter ist dafür nicht immer der passende.
Nur täuschen Sie sich nicht: Damit ist das Problem kleiner, aber nicht weg. Mit jeder Einzelaktie tragen Sie das komplette Schicksal eines einzelnen Unternehmens, bis hin zur Pleite. Wer Aktien stattdessen gebündelt über einen breit gestreuten Indexfonds kauft, hat beide Sorgen erst gar nicht: Ein einzelner Absturz fällt im Index kaum ins Gewicht, und die großen ETFs lassen sich an jedem Börsentag problemlos handeln. Regelmäßige Leser wissen, was jetzt kommt – für die meisten Anleger ist das schlicht der bessere Weg.

