Der Folgende Artikel stammt von Community-Mitglied und Familienvater Thomas Schmalisch. Er lebt in Berlin und beschäftigt sich schon viele Jahre mit der Finanzwelt.
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Im ersten Artikel habe ich das Thema Altersvorsorge nur kurz gestreift. Nun möchte ich es ausführlicher beleuchten – denn eine gut geplante Vorsorge ist entscheidend, um den gewohnten Lebensstandard auch im Ruhestand zu sichern.
Dabei liegt der Fokus auf einer Frage, die viele Paare beschäftigt: Wie lässt sich sicherstellen, dass beide Partner im Rentenalter über ein gleich hohes Einkommen verfügen?
Ausgangssituation und Zielsetzung
Wir gehen von einem Paar aus, bei dem die Einkommens- und Erwerbsbiografien unterschiedlich verlaufen sind. Während ei
ne Person („Person A“) im Laufe des Berufslebens kontinuierlich in die Rentenkasse einzahlen konnte, gibt es bei der anderen („Person B“) Lücken – etwa durch Teilzeitphasen, Elternzeiten oder berufliche Veränderungen.
Dadurch entsteht häufig eine Rentenlücke, die ohne gezielte Maßnahmen im Ruhestand spürbar werden kann.

Im weiteren Verlauf betrachten wir die Situation von Person B genauer. Hier ist die Differenz zwischen erwartetem Renteneinkommen und tatsächlichem Bedarf besonders groß – und damit auch klarer Handlungsbedarf gegeben.
Schritt-für-Schritt zur individuellen Vorsorgestrategie
Da die Altersvorsorge viele Einflussfaktoren und Annahmen für die Zukunft beinhaltet, ist es wichtig, strukturiert vorzugehen. Wir nähern uns dem Thema deshalb Schritt für Schritt und klären zunächst grundlegende Fragen.
Im Mittelpunkt stehen dabei vier zentrale Aspekte:
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Mein persönlicher Rentenbedarf / persönliche Rentenlücke
Wie viel Geld wird im Ruhestand tatsächlich benötigt, um den gewünschten Lebensstil zu erhalten und mit welcher Rentenlücke muss ich rechnen? -
Das Besparen eines ETF-Depots
Wie kann ein regelmäßig besparter ETF-Sparplan helfen, langfristig Kapital für die private Altersvorsorge aufzubauen und wie viel muss ich sparen, um meine Rentenlücke zu schließen? -
Die Strukturierung der Entnahmephase
Wie lässt sich das aufgebaute Vermögen später sinnvoll nutzen, um ein gleichmäßiges Einkommen zu gewährleisten? -
Der Aufbau von Entnahmetöpfen
Wie kann eine clevere Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Töpfe helfen, Flexibilität und Sicherheit in der Rentenphase zu gewährleisten?
Wie viel Rente benötige ich – und wie groß ist meine Rentenlücke?
Die zentrale Frage jeder Altersvorsorge lautet: Wie viel Einkommen benötige ich im Ruhestand, um meinen gewohnten Lebensstandard zu halten – und wie hoch ist meine persönliche Rentenlücke?
Um diese Frage zu beantworten, ist es zunächst wichtig, die eigenen Ausgaben genau zu kennen. Ein einfaches Haushaltsbuch oder eine digitale Budget-App kann helfen, einen realistischen Überblick über monatliche Fixkosten und variable Ausgaben zu gewinnen.
Dabei sollte man berücksichtigen, dass sich manche Kosten im Ruhestand verändern werden:
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Wegfallende Ausgaben: Beiträge zur Altersvorsorge, Berufsunfähigkeits- oder Risikolebensversicherungen entfallen häufig.
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Steigende Ausgaben: Dafür können andere Kosten – etwa für Reisen, Freizeitaktivitäten oder Gesundheitsausgaben – zunehmen.
Als Orientierung dient häufig die sogenannte 80-Prozent-Regel:
Demnach sollte das Einkommen im Ruhestand etwa 80 % des letzten Nettoeinkommens betragen, um den bisherigen Lebensstil weitgehend beibehalten zu können.
Betrachten wir nun unsere Person B, so hat sie heute ein Einkommen von 2.500€ netto.
Nun hat sie noch 25 Jahre Zeit bis zur Rente. Bei einer angenommenen Inflation von 2% p.a. und unter Anwendung der „80-Prozent-Regel“ bräuchte die Person B eine Netto-Rente von 3.300€ mtl.
Praxisrechnung I:
Heute 2.500€ netto
2.000€ Rente (80%)
3.300€ netto zum Renteneintritt
(25 Jahre bis zur Rente / 2% Inflation)
Rentenbedarf und bestehende Ansprüche ermitteln
Im ersten Schritt haben wir den voraussichtlichen Rentenbedarf auf Basis der individuellen Lebenshaltungskosten abgeschätzt. Anschließend gilt es, alle bereits vorhandenen Rentenansprüche und Einkommensquellen zusammenzutragen – dazu zählen:
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Gesetzliche Rentenversicherung
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Private Rentenversicherungen
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Riester- oder Rürup-Verträge
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Betriebliche Altersvorsorge (bAV)
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Eventuell vorhandene Kapitalanlagen
Wichtig ist dabei, zwischen Brutto- und Nettobeträgen zu unterscheiden, da Steuern und Krankenversicherungsbeiträge im Ruhestand weiterhin anfallen können.
In unserem Praxisbeispiel erhält die Person B eine Brutto-Rente der gesetzlichen Rentenversicherung in Höhe von 2.100€. Hinzu kommt noch eine Riester-Rente in Höhe von 300€. Bei einem Netto-Rentenbedarf von 3.300€ ergibt das eine Rentenlücke in Höhe von 1.500€.
Praxisrechnung II:
3.300€ Netto – Rentenbedarf
2.100€ Brutto-Rente gesetzl. RV
300€ Riester-Rente
=> 1.500€ Rentenlücke (netto)
Die Rentenlücke schließen – mit einem ETF-Depot
Nachdem der persönliche Rentenbedarf und die bestehenden Einkünfte ermittelt wurden, zeigt sich die Differenz – die sogenannte Rentenlücke.
Diese Lücke soll im weiteren Verlauf durch den Aufbau eines ETF-Depots vollständig geschlossen werden. Ein breit gestreuter, langfristig angelegter ETF-Sparplan kann hier eine effiziente Möglichkeit sein, Schritt für Schritt Vermögen aufzubauen und im Ruhestand ein zusätzliches Einkommen zu generieren.
Mit ETFs gezielt vorsorgen – langfristiger Vermögensaufbau für den Ruhestand
Ein ETF-Depot (Exchange Traded Fund) ist eine flexible und effiziente Möglichkeit, langfristig Kapital für die private Altersvorsorge aufzubauen. ETFs bilden bekannte Aktienindizes wie den MSCI World oder den Euro Stoxx 600 nach und ermöglichen so eine breite Streuung über viele Unternehmen, Branchen und Länder. Das reduziert Risiken und bietet gleichzeitig solide Renditechancen.
Ziel: Schließen der Rentenlücke durch gezielte Entnahmen
Um die bestehende Rentenlücke vollständig zu schließen, soll das ETF-Depot im Ruhestand eine monatliche Netto-Entnahme von 1.500 Euro ermöglichen.
Da Entnahmen in der Praxis brutto erfolgen, wird mit einem angenommenen Steuersatz von 16,5 % gerechnet. Das bedeutet, dass monatlich rund 1.800 Euro brutto aus dem Depot entnommen werden müssen, um nach Steuern das gewünschte Einkommen zu erzielen.
Auf Basis dieser Annahmen – 25 Jahre Rentenzeit, einer jährlichen Rendite von 4 % sowie einer Dynamik von 2 % als Inflationsausgleich – ergibt sich ein benötigtes Depotvolumen zum Renteneintritt von rund 425.000 Euro.
Sparplan berechnen – der Weg zum Ziel
Um dieses Kapital aufzubauen, betrachten wir einen Zeitraum von 25 Jahren bis zum Renteneintritt.
Bei einer angenommenen durchschnittlichen Rendite von 6 % pro Jahr und einem Startkapital von 50.000 Euro ergibt sich eine erforderliche monatliche Sparrate von etwa 310 Euro.
Mit einem solchen Sparplan lässt sich die angestrebte Summe langfristig realistisch erreichen – vorausgesetzt, die Sparrate bleibt konstant und wird nicht zwischendurch unterbrochen.
Dranbleiben lohnt sich
Wichtig ist, den Sparplan konsequent durchzuhalten und ihn bei Gehaltserhöhungen oder Bonuszahlungen regelmäßig zu erhöhen.
Von kurzfristigen Marktschwankungen oder Einbrüchen an der Börse sollte man sich dabei nicht verunsichern lassen – denn langfristig haben sich die Kapitalmärkte in der Vergangenheit stets erholt. Der Zinseszinseffekt wirkt umso stärker, je länger das Kapital investiert bleibt.
Strukturierte Entnahmephase – mit dem Drei-Töpfe-Ansatz flexibel durch alle Marktphasen
Wenn das ETF-Depot über viele Jahre hinweg aufgebaut wurde, stellt sich im Ruhestand die zentrale Frage: Wie lässt sich das Vermögen sinnvoll und nachhaltig entnehmen?
In der Praxis finden sich zahlreiche Empfehlungen zur optimalen Aufteilung des Depots in der Entnahmephase – doch nicht alle Ansätze sind wirklich überzeugend.
Klassische Ansätze – oft zu starr gedacht
Häufig liest man beispielsweise von pauschalen Regeln wie:
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„Aktienquote = 100 minus Lebensalter“, was bei einem Renteneintritt mit 65 Jahren einer Aktienquote von etwa 35 % entspräche,
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oder festen Mischungen, etwa 50 % Aktien und 50 % Anleihen über die gesamte Rentenzeit.
Diese Modelle mögen Orientierung bieten, sind jedoch zu unflexibel und berücksichtigen individuelle Risikoneigungen nur unzureichend.
Der Drei-Töpfe-Ansatz – flexibel, nachvollziehbar und individuell anpassbar
Ein deutlich praktikablerer Ansatz ist das sogenannte „3-Töpfe-Modell“, das sich einfach umsetzen und an das persönliche Sicherheitsbedürfnis anpassen lässt.
Dabei wird das Vermögen in drei Bereiche mit unterschiedlicher Funktion und Risikostruktur aufgeteilt:
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Topf 1 – Geldmarkt oder Tagesgeld:
Enthält das Geld für die laufenden Ausgaben des aktuellen Jahres. Es bleibt jederzeit verfügbar und ist keinen Marktschwankungen ausgesetzt. -
Topf 2 – Anleihen oder Festgeld:
Dient der Absicherung der nächsten drei Jahre. Hier liegt Kapital, das etwas verzinst wird, aber weiterhin relativ sicher und kurzfristig abrufbar bleibt. -
Topf 3 – Aktien-ETFs:
Beinhaltet den langfristig investierten Teil des Vermögens, der weiterhin Rendite erwirtschaften soll und aus dem die anderen Töpfe regelmäßig aufgefüllt werden.
So funktioniert der Ansatz in verschiedenen Marktphasen
Der Clou dieses Modells liegt in der dynamischen Steuerung zwischen den Töpfen:
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In guten Börsenjahren wird der 1. Topf direkt aus dem 3. Topf (Aktien-ETF) aufgefüllt.
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In schwachen Börsenjahren erfolgt die Auffüllung stattdessen aus dem 2. Topf (Anleihen/Festgeld), bis sich die Märkte wieder erholen. Anschließend werden Topf 1 und 2 gemeinsam aus dem 3. Topf nachgefüllt.
So lässt sich vermeiden, in einer Marktschwäche Aktien mit Verlust verkaufen zu müssen – ein entscheidender Vorteil für die Stabilität der Entnahmestrategie.
Individuell anpassbar und überschaubar im Aufwand
Gerade für vorsichtige Anleger lässt sich das Modell leicht anpassen, etwa indem der zweite Topf nicht nur drei, sondern vier oder fünf Jahre abdeckt.
Das schafft zusätzliche Sicherheit und sorgt für ruhigen Schlaf – auch in turbulenten Börsenphasen.
Der Aufwand bleibt dabei minimal: In der Regel genügt es, einmal im Jahr den ersten Topf aufzufüllen und die Verteilung der übrigen Mittel zu überprüfen.
Damit ist das Depot wartungsarm, flexibel und gleichzeitig robust gegenüber Marktschwankungen.
Aufbau der Töpfe – rechtzeitig und steuerbewusst planen
Grundsätzlich können die drei Töpfe auch erst im Jahr vor dem Renteneintritt gebildet werden. Allerdings kann dies zu erhöhten Steuerbelastungen führen, da größere Umschichtungen auf einmal vorgenommen werden müssen.
Sinnvoller ist es daher, bereits etwa zehn Jahre vor dem geplanten Rentenbeginn schrittweise mit dem Aufbau des ersten und zweiten Topfs zu beginnen. Auf diese Weise lässt sich das Kapital nach und nach umschichten, steuerliche Effekte werden geglättet, und die Aufteilung des Vermögens kann in Ruhe an die individuelle Anlagestrategie angepasst werden.
Praxisrechnung III:
Depot: 425.000€
21.600€ Entnahme im 1. Jahr
1. Topf: 21.600€
2. Topf: 64.800€
3. Topf: 338.600€
Fazit – Mit Planung, Disziplin und Flexibilität zu einer stabilen Altersvorsorge
Eine solide Altersvorsorge entsteht nicht über Nacht, sondern durch klare Planung, konsequentes Handeln und mit Durchhaltevermögen. Wer frühzeitig beginnt, seine finanzielle Situation zu analysieren und gezielt Vorsorge zu treffen, schafft sich ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Sicherheit im Ruhestand.
Der erste Schritt besteht darin, den eigenen Rentenbedarf realistisch zu ermitteln und die daraus resultierende Rentenlücke zu erkennen. Anschließend lässt sich durch den langfristigen Aufbau eines ETF-Depots ein zusätzlicher Einkommensbaustein schaffen, der die Lücke zuverlässig schließen kann. Regelmäßiges Sparen und das Nutzen des Zinseszinseffekts bilden dabei die Grundlage für den Erfolg.
In der Entnahmephase sorgt der Drei-Töpfe-Ansatz für Stabilität und Flexibilität gleichermaßen. Er schützt vor unnötigen Verkäufen in schwachen Börsenphasen, ermöglicht planbare Entnahmen und lässt sich individuell an das persönliche Risikoprofil anpassen.
Wer diese Prinzipien beherzigt – realistisch planen, diszipliniert investieren und flexibel bleiben – legt den Grundstein für eine Altersvorsorge, die nicht nur funktioniert, sondern auch langfristig Sicherheit und Gelassenheit schenkt.

