Aufklärung statt Verkaufsshow: Gipfeltreffen der Verbraucherschützer auf der INVEST 2026
Ein Bühnengespräch mit Prof. Dr. Hartmut Walz, Nils Nauhauser (Verbraucherzentrale Baden-Württemberg) und Thomas Beutler auf der INVEST 2026 in Stuttgart.
Was passiert, wenn zwei der profiliertesten Verbraucherschützer Deutschlands über eine Finanzmesse laufen? Genau das haben wir auf der INVEST 2026 in Stuttgart ausprobiert – und auf der Bühne darüber gesprochen. Offen, direkt und ohne Werbedeals.

Ein bunter Zirkus – mit ein paar Lichtblicken
Nils Nauhauser kennt die INVEST seit den Zeiten des Neuen Marktes. Sein Eindruck hat sich seitdem kaum verändert: An vielen Ständen wird versprochen, wie man den Index schlägt – mit Trading-Strategien, Long-Short-Zertifikaten oder teuren Kursgebühren. Die traurige Wahrheit, so Nauhauser: „Eigentlich kann man sich den Zirkus sparen.“ Wer langfristig und breit diversifiziert investiert, braucht das alles nicht.
Hartmut Walz hatte am Morgen vor der offiziellen Eröffnung bereits seinen Rundgang gemacht – und dabei gleich zwei Preisträger seines Redfleck Awards wiedergetroffen. Auch das Standpersonal fiel ihm auf: Auffällig viele junge Frauen, die ihn unbedingt kennenlernen wollten – bis sie erfuhren, dass er Professor und Verbraucherschützer ist. Da flaute das Interesse merklich ab.
Aber es gab auch erfreuliche Begegnungen: Zuschauer aus der Walz-&-Beutler-Community, die sich – leicht verschämt – dafür entschuldigten, auf einer Messe gesichtet zu werden, die wir regelmäßig kritisch einordnen. Und ja, es gibt auch seriöse Stände: die Deutsche Bundesbank, die BaFin, die GLS Bank – und natürlich unseren eigenen.
Die Rolle der BaFin: Gut, aber noch nicht gut genug
Ein zentrales Thema war die Rolle der Finanzaufsicht. Nauhauser steht im regelmäßigen Austausch mit der BaFin und erkennt an, dass im Hintergrund viel passiert – etwa das Mystery Shopping bei Kombi-Versicherungen. Gleichzeitig sieht er deutlich Luft nach oben.
Ein konkretes Beispiel: Das BGH-Urteil zur Kürzung des Rentenfaktors bei fondsgebundenen Rentenversicherungen der Allianz. Das Gericht hat die Klausel, die eine einseitige Herabsetzung erlaubte, als rechtswidrig eingestuft. Nauhausers Wunsch: Die BaFin sollte den gesamten Markt durchleuchten und alle Versicherer mit vergleichbaren Klauseln zur Korrektur auffordern. Das passiert bislang nicht.
Walz bringt es auf eine griffige Formel: Die BaFin sei kein zahnloser Tiger, aber habe noch „kleine Milchzähnchen“. Im Vergleich zu Großbritannien, wo die Kapitalmarktaufsicht deutlich schärfer agiert und Naming and Shaming praktiziert, hinkt Deutschland hinterher. Wenn Versicherer problematische Produkte anbieten oder in ihrer Solvabilität gefährdet sind, erfährt die Öffentlichkeit bestenfalls, dass es Probleme gibt – aber nicht bei wem.
Und da ist die BaFin ein bisschen, ich will nicht sagen
Prof. Dr. Hartmut Walz auf der INVEST 2026
zahnloser Tiger, aber hat so kleine Milchzähnchen. Ich bewerfe dich mit Wattebällchen bis du blutest und da haben wir
natürlich noch die Hoffnung, dass da ein bisschen was vorangeht.
Finfluencer: 99 Prozent problematisch?
Walz wendet seine 99-Prozent-Einschätzung von der Messe direkt auf die Finfluencer-Szene an. Das Problem seien nicht einzelne falsche Aussagen, sondern das System dahinter: Massive Interessenkonflikte, verdeckte Werbung und das perfide Muster, durch richtige Aussagen Vertrauen aufzubauen, um dann manipulative Empfehlungen zugunsten des eigenen Kontos zu platzieren.
Nauhauser setzt bei der Durchsetzung bestehenden Rechts an. Ein konkreter Erfolg: Die Verbraucherzentrale hat Google verklagt, weil ein Influencer einen neunminütigen Werbeclip für einen Broker als neutralen Brokertest getarnt hatte. Die Werbekennzeichnung bei YouTube – acht Sekunden lang klein oben links – sei völlig unzureichend. Das Landgericht Bamberg gab der Verbraucherzentrale recht: Über die gesamte Laufzeit muss erkennbar sein, dass es sich um Werbung handelt.
Darüber hinaus müsse auch irreführende Werbung konsequenter verfolgt werden. Wenn jemand mit „30.000 € Steuern sparen“ wirbt, muss das belegbar sein – das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb gibt den Rahmen vor.
Altersvorsorgedepot: Gamechanger mit Nebenwirkungen
Nauhauser hat sich persönlich seit 16 Jahren für eine Reform der geförderten Altersvorsorge eingesetzt. Dass am Ende ein staatlich organisiertes Standardprodukt ins Gesetz aufgenommen wurde, sieht er als Ergebnis des öffentlichen Drucks und guter Argumente. Seine Einschätzung: ein Gamechanger – vor allem für alle, die keine Lust mehr auf provisionsgetriebene Beratung haben.
Gleichzeitig warnt er vor einer beispiellosen Verkaufswelle: 15 Millionen Riester-Verträge wollen umgedeckt werden, Selbstständige werden erstmals förderberechtigt, und mit der Frühstartrente kommt noch das geförderte Sparen für Kinder dazu. Die Kapazitäten der Verbraucherzentralen – zehn Beratungskräfte in ganz Baden-Württemberg – werden dafür bei weitem nicht reichen.
Walz formuliert es zugespitzt: Auf die Verbraucher rolle eine „massenhafte Verunsicherung“ zu. Die Lösung könne nicht in Einzelberatung liegen, sondern müsse über skalierbare Formate kommen – Videos, Tutorials, standardisierte Materialien. Eine Sonderfinanzierung durch den Staat wäre gesellschaftlich sinnvoll, um zu verhindern, dass Verbraucher von einem schlechten Produkt ins nächste wechseln.
Besonders kritisch: Lobbyisten versuchen bereits, das Altersvorsorgedepot schlechtzureden – mit dem Argument, man zahle damit mehr Steuern. Was verschwiegen wird: Die bessere Rendite durch niedrigere Kosten und der Steuerstundungseffekt über Jahrzehnte wiegen das bei weitem auf. Aber um das zu erklären, braucht man das Barwertkonzept – und das lässt sich auf YouTube nicht in 30 Sekunden sexy verpacken.
Stiftung Warentest: Kritik an der Februar-Ausgabe
Auf eine Publikumsfrage hin nahmen beide Stellung zur umstrittenen Finanztest-Ausgabe, die vorschlug, das ETF-Pantoffel-Portfolio aktiv zu steuern. Walz hielt sich nicht zurück: Die Aussage, man könne mit mehr Rendite bei weniger Risiko rechnen, sei „Alchemie der Finanzen“ und widerspreche gesicherten Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung.
Nauhauser wies darauf hin, dass sogar innerhalb des Artikels eine Tabelle zeigte, dass die aktive Strategie den Markt nicht geschlagen hat – ein klassischer Fall von Text-Tabellen-Schere. Beide betonten aber: Stiftung Warentest Finanztest sei in der Gesamtschau eine der wenigen wirklich anbieterunabhängigen Informationsquellen. Genau deshalb wiege ein solcher Fehler besonders schwer.
Finanzbildung vs. Finanzverblödung
Walz brachte eine seiner stärksten Thesen: 98 Prozent dessen, was als Finanzbildung angeboten wird, sei in Wahrheit „Finanzverblödung“. Ein unbefangener Mensch ohne Altlasten und Mythen im Kopf könnte die Grundsätze vernünftigen Investierens in zwei bis drei Stunden verstehen. Das Problem sei nicht fehlendes Wissen, sondern die Dominanz lobbyfinanzierter Fehlinformation.
Und dann der Moment, der das ganze Gespräch auf den Punkt brachte: „Was ist das alles gegen Lambo?“ Die sachliche Botschaft – breit diversifiziert investieren, Kosten minimieren, Zeit arbeiten lassen – ist inhaltlich überlegen. Aber emotional hat sie gegen den Lamborghini auf dem Thumbnail keine Chance. Walz stellt damit die zentrale Frage für alle, die sich ernsthaft mit Finanzbildung beschäftigen: Wie erzählen wir die bessere Geschichte?
Provisionsverbot: Kommt es – und wann?
Nauhauser zeigt sich entschlossen und optimistisch. Mit dem gleichen Engagement, mit dem er 16 Jahre für das Altersvorsorgedepot gekämpft hat, setzt er sich jetzt für ein Provisionsverbot ein. Seine Überzeugung: Der Markt werde immer wieder versagen und damit den Bedarf dokumentieren. Die Frage sei nur, wie viel Schaden noch eintreten müsse, bis der Gesetzgeber handelt.
Walz teilt den Optimismus und verweist auf den internationalen Vergleich: Es gibt Länder, die zeigen, dass es besser geht. Und der Erfolg beim Altersvorsorgedepot – der „größte Sieg gegen die Finanzlobby“ – beweise, dass Veränderung möglich ist. Die Gegengeschichte, nicht 1,5 Prozent Kostendeckel, sondern Billionen, die auf dem Spiel stehen, habe politisch gewirkt. Das Rezept: ein stärkeres Bild, eine bessere Geschichte.
Dazu finden Sie auch dieses längere Gespräch mit Professor Dr. Hartmut Walz auf meinem Kanal: Neues Altersvorsorgedepot: Gute Nachricht für Verbraucher – schlechte für die Lobby
Weiterführende Links zu den Themen im Gespräch
Rentenfaktor-Klagen der Verbraucherzentrale:
Weitere Rentenfaktorklauseln vor Gericht – Klagen gegen Allianz und R+V nach dem BGH-Urteil (Az. IV ZR 34/25)
Verbraucherzentrale Baden-Württemberg – Beratungsangebote:
Geldanlage & Altersvorsorge – Riester-Vertrag prüfen lassen (ab 45 €), Altersvorsorgestrategie (310 €)
Der Blog von Prof. Dr. Hartmut Walz:

