1,5 Billionen Euro. Eine Reform. Und eine Lobby, die tobt.

Das neue Altersvorsorgedepot im Gespräch mit Prof. Dr. Hartmut Walz

Hinter uns liegen bewegte Wochen. Lange Nächte, viele Pressemitteilungen, und am Ende: eine Reform, die tatsächlich besser geworden ist als das, was zunächst auf dem Tisch lag. Das neue Altersvorsorgedepot (AV-Depot) wurde am 27. März 2026 beschlossen – und ich habe mich mit Prof. Dr. Hartmut Walz zusammengesetzt, um zu verstehen, was da eigentlich passiert ist. Was wurde wirklich gewonnen? Was bleibt unbefriedigend? Und warum schreit die Finanzlobby so laut?


Die Zahl, die alles verändert hat: 1,5 Billionen Euro

Walz hat nicht einfach eine griffige Zahl ins Blaue geworfen – er hat gerechnet. Sorgfältig, Jahrgang für Jahrgang, bis in die Nacht.

Ausgangspunkt: Eine 19-jährige Sparerin, die 100 € im Monat bis zum Rentenalter mit 67 anlegt. Einmal mit dem ursprünglich geplanten Kostendeckel von 1,5 % pro Jahr, einmal mit 0,2 % – dem Niveau, das in Schweden der teuerste zugelassene Anbieter erreicht.

Der Unterschied im Endvermögen: 209.107 Euro – für eine einzige Person.

Dann die Bevölkerungsstatistik: Allein der Jahrgang der heute 19-Jährigen umfasst 820.000 Menschen in Deutschland. Ergebnis: 171,5 Milliarden Euro Mindervermögen – nur für diesen einen Jahrgang.

Das hat Walz dann für alle Jahrgänge von 20 bis 29 wiederholt. Reine Fleißarbeit, wie er sagt. Das Ergebnis: über 1,5 Billionen Euro, die den Menschen im Alter fehlen würden – und die stattdessen bei den Anbietern gelandet wären.

„Das Geld ist nicht weg“, sagt Walz trocken. „Es hat nur die Finanzlobby.“

Diese Zahl war eine wichtige Keule, die etwas bewegt hat. Aus einer harmlosen Prozentzahl wurde ein konkretes, erschreckendes Bild. Und das ist bei den richtigen Leuten angekommen.

Die Pressemitteilung von Professor Walz findet ihr hier: https://hartmutwalz.de/wp-content/uploads/2026/03/Prof.Dr_.Walz-Billionenverlust-fuer-Buerger-durch-ueberhoehten-Kostendeckel-bei-gefoerderter-Altersvorsorge.pdf


In the box oder out of the box? Der eigentliche Fortschritt

Der Kostendeckel wurde von 1,5 % auf 1,0 % gesenkt. Besser als nichts – aber für Walz ist das nur die „kleine Lösung“. Der wirklich entscheidende Durchbruch war ein anderer: das staatliche Standardprodukt.

Denn ein Kostendeckel allein löst ein grundlegendes Problem nicht: Solange es nur private Anbieter gibt, werden die Vertriebe immer zu den Produkten oberhalb des Deckels wandern, weil sie dort besser verdienen. Das staatliche Produkt verändert die Spielregeln. Es schafft einen echten Benchmark, günstig, transparent, schwer wegzureden.

Das Vorbild ist Schweden. Dort hat der Staat ein kostengünstiges Standardprodukt eingeführt (die teuerste zugelassene Alternative lag bei 0,19 %), und es hat funktioniert. Nicht weil private Anbieter verboten wurden – sondern weil ein fairer Vergleich möglich wurde.

„Warum“, fragt Walz, „sollen wir das nicht hinkriegen? Wir haben acht Mal mehr Bevölkerung als die Schweden. Das wird sogar noch günstiger.“


Warum „der mündige Verbraucher“ hier nicht funktioniert

Die Finanzbranche hat – erwartbar – laut protestiert. Der Vorwurf: Der Staat greife in den Markt ein, die Kunden könnten sich ja selbst informieren.

Walz kontert mit drei Nobel-Preisträgern: Akerlof, Spence und Stiglitz haben in der Informationsökonomie drei Kategorien von Gütern beschrieben:

  • Suchgüter: Man weiß vor dem Kauf, was man bekommt (das Rätselheft am Kiosk).
  • Erfahrungsgüter: Man merkt nach dem Kauf schnell, ob es gut war (das belegte Brötchen – zurückbringen, Problem gelöst).
  • Vertrauensgüter: Man kann die Qualität nie wirklich beurteilen – nicht vorher, nicht nachher.

Altersvorsorgeprodukte sind Vertrauensgüter. Die typische Ärztin, der typische Ingenieur – alles andere als dumm, aber ohne jede Chance, komplexe Altersvorsorgeverträge wirklich zu durchschauen. Man merkt erst mit 67, dass die Rente nur 37 € beträgt – und dann ist es zu spät.

„Bei Vertrauensgütern brauchen wir Verbraucherschutz. Da brauchen wir Regulierung.“

Das ist keine Ideologie. Das ist ökonomische Grundlage.


Die Lobby tobt – und das sagt alles

Michael Heinz vom Bundesverband deutscher Versicherungskaufleute schrieb: „Ich kann meine Wut und Enttäuschung nur schwer zurückhalten. Das ist ein Schlag ins Gesicht unseres ehrbaren Berufsstandes.“ (Quelle)

Walz lächelt dabei. Denn die Heftigkeit der Reaktion ist kein Zufall. Es ist ein Nullsummenspiel: Was Verbraucher an Kosten sparen, fehlt als Ertrag bei den Anbietern. Je lauter die Lobby schreit, desto mehr trifft die Reform offenbar ins Ziel.

Norman Wirth vom Bundesverband Finanzdienstleistung brachte es noch deutlicher auf den Punkt: Wenn Vertrieb wirtschaftlich unmöglich gemacht werde, erreiche auch das beste Produkt die Menschen nicht. „Ohne Vertrieb wird das Modell scheitern.“ (Quelle)

Die Antwort darauf: Schweden. Auch dort haben die Vertriebe dieses Argument gebracht. Und trotzdem – oder gerade deswegen – sind die Schweden heute stolz auf ihr System.


Das AV-Depot als Notausgang aus Riester

Eines der spannendsten Themen am Ende unseres Gesprächs: Wird das AV-Depot für Riester-Sparer zur Exitstrategie?

Walz glaubt: ja. Denn das AV-Depot befreit von einem der größten Nachteile des Riesters – dem Verrentungszwang. Bei Riester kommt maximal 30 % als Einmalbetrag raus, der Rest wird zwangsverentet – zu Rentenfaktoren, bei denen man laut einer aktuellen Finanzwende-Studie 99 Jahre alt werden müsste, um sein eingezahltes Geld real zurückzubekommen.

Das AV-Depot erlaubt stattdessen einen zeitlich befristeten Auszahlplan – mindestens bis 85, flexibel gestaltbar. Das ist zwar keine lebenslange Rente, aber es ist für viele schlicht die bessere Lösung als das, was Riester bietet.

Ob der Wechsel kostenlos möglich sein wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber selbst wenn ein kleiner Einmalaufwand entsteht: Bei jahrelangen Verlusten durch überteuerte Verträge ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.


Unser Fazit: Großer Schritt, offene Fragen

Das AV-Depot ist kein Wundermittel. Es ist auch noch nicht fertig – die Details des staatlichen Standardprodukts müssen bis Januar 2027 stehen, und das ist keine Kleinigkeit. Aber die Richtung stimmt.

Was wirklich zählt: Erstmals seit Riester gibt es in Deutschland die echte Möglichkeit, eine günstige, staatlich abgesicherte Altersvorsorge zu bekommen – ohne auf den guten Willen eines provisionsgetriebenen Vertriebs angewiesen zu sein.

Walz, der sonst keine Prognosen macht, ist optimistisch: „Wir können wahrscheinlich dieses staatliche Standardprodukt sehr gut in die Verbreitung bringen – einfach durch die Fakten.“

Und wer hat das möglich gemacht? Diejenigen, die nicht hinter verschlossenen Türen geblieben sind, sondern Gesicht gezeigt haben: Dorothea Mohn (Verbraucherzentrale Bundesverband, Nils Nauhauser (Verbraucherzentrale Baden-Württemberg), Axel Kleinlein (Versicherungs-Aktuar), Britta Langenberg und Moritz Czygan, (beide von Finanzwende) – und ja, auch ein Professor, der bis in die Nacht hinein Nullen gezählt hat.

Seine Frau hat es auf den Punkt gebracht: „Hartmut, wenn du dich da um eine Null verhaust…“

Er hat sich nicht verhauen.


Thomas Beutler ist Honorarberater (Investiert in Wissen), Verbraucherschützer bei der Verbraucherzentrale und Autor. Prof. Dr. Hartmut Walz lehrt Betriebswirtschaft an der Hochschule Ludwigshafen und ist Autor von „Einfach genial entscheiden“.

👉 Das Vorsorge-Vergleich-Tool (Riester vs. AV-Depot) findest du hier: https://www.investiertinwissen.de/vorsorge-vergleich/

🎤 Walz & Beutler – Die Reihe für unabhängige Finanzaufklärung

Prof. Dr. Hartmut Walz und Thomas Beutler sprechen regelmäßig gemeinsam über Finanzthemen, die Verbraucher wirklich betreffen – ohne Provision, ohne Interessenkonflikt, ohne Schönreden. Alle Folgen der Reihe findest du hier: ➡️ Zur YouTube-Playlist

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen