Die helle und die dunkle Seite der Finfluencer – was wirklich hinter den Kulissen passiert
Finfluencer sind aus dem Finanz-Internet nicht mehr wegzudenken. Für die einen sind sie der Grund, warum überhaupt eine ganze Generation anfängt, sich mit Geldanlage zu beschäftigen. Für die anderen sind sie die neue Spielwiese für teure Produkte, fragwürdige Tradingstrategien und Provisionen, von denen der Zuschauer nie etwas erfährt. Die Wahrheit liegt – wie so oft – dazwischen.
Auf der INVEST 2026 habe ich mich genau über diese Spannweite unterhalten: in einem offenen Talk mit zwei Gästen, die die Szene von innen kennen. Joschka Birkigt von den Finanzrebellen ist Versicherungsmakler und Online-Finanzberater mit großer Reichweite auf Instagram. Lars Wrobbel betreibt den bekanntesten deutschen Blog rund um P2P-Kredite. Wir haben Klartext geredet – über Verantwortung, über Geld, über Abmahnungen und über die Frage, wie du als Verbraucher die seriösen von den unseriösen Stimmen unterscheidest. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Was ist überhaupt ein Finfluencer?
Der Begriff klingt nach Buzzword, beschreibt aber etwas sehr Konkretes: jemanden, der im Finanzbereich Einfluss auf das Verhalten anderer nimmt. Dafür braucht es keine Millionen Follower. Wer regelmäßig über Geld informiert und damit Entscheidungen von Menschen prägt – bewusst oder unbewusst – ist im Kern bereits ein Finfluencer.
Spannend wird es bei der Frage, woraus dieser Einfluss eigentlich entsteht. Aus meiner Sicht ist es immer ein Zusammenspiel aus zwei Komponenten: dem Fakt, der offengelegt wird, und der Meinung, in die dieser Fakt verpackt ist. Genau in diesem Spannungsfeld entscheidet sich, ob Content Mehrwert stiftet oder ob er Menschen in die Irre führt. Denn mit Reichweite kommt Verantwortung – und nicht jeder, der sie hat, nimmt sie auch wahr.
Die Sache mit der Verantwortung
Ein Beispiel aus der Praxis von Joschka macht den Unterschied deutlich. Als er mit einem Broker eine Kooperation gestartet habe, kam aus der Szene prompt die Frage, ob ich denn wenigstens eine fette Festvergütung herausgeholt hätte. Habe er nicht. Stattdessen hat er auf einen großen Teil der möglichen Provision verzichtet – damit der Vorteil bei den Menschen landet, die über ihn abschließen, statt in seiner Tasche.
Das ist keine Heiligsprechung, sondern schlicht ein anderes Geschäftsmodell. Wer nicht von einzelnen Affiliate-Deals leben muss, kann es sich leisten, den langfristigen Weg zu gehen. Und der ist entscheidend. Ich vergleiche das gern mit einem Acker: Will ich einmal abernten und dann weiterziehen – oder will ich ein Feld bestellen, von dem ich über Jahre immer wieder ernten kann? Wer heute ein überteuertes Produkt verkauft und in drei Jahren niemandem mehr in positiver Erinnerung ist, hat genau diesen Acker verbrannt.
Das Gegenbeispiel kennt die Branche zur Genüge: Finfluencer, die jahrelang für ein Produkt geworben und brav die Provision kassiert haben – bis das Produkt vom Markt verschwand, Anlegerinnen und Anleger Geld verloren und am Ende nur ein dürrer „Sorry, unser Fehler“-Beitrag stehen blieb.
Was du als Verbraucher nicht siehst
Der vielleicht unbequemste Teil des Gesprächs: Vieles in dieser Branche läuft im Hintergrund. Lars hat es offen ausgesprochen – aus seiner eigenen Szene weiß er, dass viele Kolleginnen und Kollegen ähnliche Deals haben wie er, über die meisten davon aber nie öffentlich gesprochen wird. Sein nüchternes Fazit:
Wer ehrlich offenlegt, ist am Ende oft der Dumme. Denn Transparenz wird in dieser Branche eher bestraft als belohnt – wer offenlegt, liefert Angriffsfläche und steht im direkten Vergleich schlechter da als die, die schweigen.

Wie groß die Hebel sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Affiliate-Provisionen beginnen oft bei wenigen Euro pro neuem Kunden und reichen über prozentuale Beteiligungen – mal ein halbes Prozent, in Spitzen aber auch sechs Prozent auf alles, was die geworbene Person investiert. Mal gilt das für 90 Tage, mal für ein ganzes Jahr. Das Entscheidende daran: Den dahinterliegenden Interessenkonflikt siehst du von außen überhaupt nicht. Und genau das macht die Einordnung so schwer.
Ein einfacher Zusammenhang „hohe Provision = unseriös“ lässt sich daraus übrigens nicht ableiten – manche der seriöseren Plattformen zahlen am meisten, schlicht weil sie ein großes Marketingbudget haben. Aussagekräftiger ist die Frage, ob ein Finfluencer immer wieder besonders aggressiv genau die Anbieter nach oben spült, an denen er am meisten verdient.
Die helle und die dunkle Seite der Macht
So absurd es klingt: Die Szene funktioniert ein bisschen wie bei Star Wars. Es gibt eine helle und eine dunkle Seite der Macht – und man entscheidet sich für eine davon.
Auf der hellen Seite stehen die, die konsequent auf Mehrwert setzen: Menschen sollen etwas lernen und am Ende selbst entscheiden, ohne Manipulations- und Verkaufstricks. Das ist anstrengend, langwierig und nervenaufreibend. Auf der dunklen Seite verdient man schneller und mehr – mit Aktiencoachings aus Dubai, dubiosen Tradingstrategien oder einer Kryptoszene, in der seriöse Stimmen die absolute Ausnahme sind. Der Haken: Dieser schnelle Verdienst ist weder nachhaltig noch ungefährlich. Über die Zeit hinterlässt jeder seine Spuren – wie Fingerabdrücke. Wer überall seinen Dreck liegen lässt, bei dem räumt irgendwann die Öffentlichkeit auf: negative Presse, schlechte Bewertungen, und inzwischen sogar KI-Systeme, die auf die Frage nach der Seriosität entsprechend antworten.
Reguliert sich der Markt selbst?
Hier gehen die Meinungen auseinander – und das ist gut so. Joschka ist überzeugt, dass sich der Markt über die Zeit weitgehend selbst reguliert: Die schlechten Akteure verschwinden langfristig wie eine Pflanze, die man nicht gießt, während die guten bleiben und wachsen. Wir leben im Informationszeitalter, und es wird für Verbraucher tendenziell leichter, Spreu von Weizen zu trennen.
Ich sehe das etwas differenzierter. Ein wenig Regulatorik im begrenzten Stil halte ich für sinnvoll – etwa eine simple Meldepflicht für alle, die öffentlich über Finanzthemen informieren. Das Problem dabei ist die Durchsetzung. Die BaFin ist faktisch überlastet: zu wenig Personal, fehlendes Know-how, um neue Maschen schnell genug zu erkennen, und Meldewege, die nur schleppend funktionieren. Selbst wenn eine Liste schwarzer Schafe erscheint, sind bis dahin längst 50 neue dazugekommen. Immerhin: Dass sich inzwischen sogar das Bundesfinanzministerium für die Seriosität von Finfluencern interessiert, ist ein gutes Zeichen.
Schön wäre am Ende ein unabhängiges, nachvollziehbares Rating – ähnlich dem Nutri-Score auf Lebensmitteln. Die entscheidende Frage bleibt nur: Wer macht es, und nach welchen Kriterien?
Mut zur Kante
Gute Finfluencer erkennt man auch daran, dass sie sich trauen, Position zu beziehen – auch wenn das unbequem wird. Wenn Finanzwerbung nicht mehr dem aktuellen Stand entspricht, unseriös wird oder mit falschen Versprechen arbeitet, dann gehört das eingeordnet. Genau dadurch lernen Verbraucher, seriöse von unseriösen Renditeversprechen zu unterscheiden.
Wie du seriöse von unseriösen Finfluencern unterscheidest
Aus dem Gespräch lassen sich ein paar praktische Leitplanken ableiten, die dir als Verbraucher sofort helfen:
Frag, wie jemand sein Geld verdient. Bekommst du keine klare Antwort, ist das bereits die Antwort. Ein offengelegter Interessenkonflikt ist kein Makel – ein verschwiegener schon.
Sei skeptisch bei polarisierenden Pauschalaussagen. „Ein ETF reicht nicht“ oder „Der MSCI World ist gefährlich, weil 80 Prozent USA“ klingt nach mutiger Meinung, treibt dich aber schnell in unnötig komplizierte oder teure Lösungen. Solche Aussagen sind oft eher auf Aufmerksamkeit als auf deinen Nutzen optimiert.
Achte auf Risikohinweise. Wer Chancen zeigt, aber Risiken konsequent verschweigt, ist ein Warnsignal. Gerade in hochriskanten Bereichen wie P2P-Krediten oder Einzelaktien gehört der mögliche Totalverlust klar benannt – nicht als Randnotiz.
Bilde dich selbst weiter. Je besser du dich auskennst, desto wertvoller werden gute Tipps – und desto schneller erkennst du schlechte. Ein Hinweis ist nur dann etwas wert, wenn du ihn selbst einordnen und überprüfen kannst.
Fazit
Finfluencer sind weder pauschal gut noch pauschal böse. Es gibt die helle und die dunkle Seite – und dazwischen eine große Grauzone, in der vieles von Transparenz, Verantwortung und dem Geschäftsmodell dahinter abhängt. Als Verbraucher bist du dem nicht ausgeliefert: Wenn du verstehst, wie diese Branche tickt, und die richtigen Fragen stellst, kannst du den Mehrwert mitnehmen und die Fallen umgehen.
Genau dafür mache ich diesen Content – unabhängig, ohne Provisionen, ohne Affiliate-Links. Das komplette Gespräch mit Joschka Birkigt und Lars Wrobbel findest du als Video auf meinem YouTube-Kanal. Schau rein, wenn du tiefer einsteigen willst – es lohnt sich.
Dieser Beitrag dient der Information und Finanzbildung und stellt keine Anlageberatung dar. P2P-Kredite und Einzelaktien sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.

