Der digitale Euro kommt – aber wozu eigentlich?
Zwei Experten, ein Thema, viele Fragen
Ein Gespräch mit Dr. Alexander Bechtel (DWS) und Prof. Matthias Herbst (ehem. Bundesbank)
PS: Beide Gespräche finden Sie auch als Video am Ende des Textes.
Stellen Sie sich vor, Sie zahlen an der Supermarktkasse – aber statt Karte oder Bargeld nutzen Sie digitales Zentralbankgeld. Direkt. Ohne Visa, ohne Mastercard, ohne PayPal. Klingt nach Science-Fiction? Nein – das ist der digitale Euro, und er soll 2029 kommen. Doch was steckt wirklich dahinter? Brauchen wir das überhaupt? Und warum reagieren manche Menschen auf das Thema wie auf eine Verschwörungstheorie – während Banken still und leise zittern?
Ich habe mit zwei ausgewiesenen Experten gesprochen: Dr. Alexander Bechtel, Global Head of Digital Products bei der DWS und promovierter Finanzökonom, sowie Prof. Matthias Herbst, Hochschulprofessor und ehemaliger Bundesbanker. Beide kennen das Thema von innen – und beide haben eine erfrischend nüchterne Sicht darauf.
2029 – wenn alles nach Plan läuft
Der Zeitplan für den digitalen Euro ist alles andere als simpel. Daran sind – wie so oft in Europa – gleich drei Institutionen beteiligt: die Europäische Kommission, der Europäische Rat und das Europäische Parlament.
Der Rat hat kürzlich grünes Licht gegeben. Das Parlament – traditionell etwas skeptischer – will im zweiten Quartal 2026 abstimmen. Danach folgt der berühmte EU-Trilog: alle drei Parteien setzen sich zusammen, verhandeln, streiten, einigen sich schließlich. Aus diesem Kompromiss entsteht der endgültige Gesetzesrahmen.
„Wenn Ende 2026 alles beschlossen ist, braucht die EZB danach noch zwei bis zweieinhalb Jahre für die Umsetzung“, erklärt Bechtel. Damit landen wir bei 2029 als realistischem Startdatum – vorausgesetzt, der Zug bleibt auf den Schienen.
Auch Prof. Herbst bestätigt diesen Zeitplan: Zunächst läuft 2027 eine Pilotphase an, in ausgewählten Regionen und Bereichen. Fehler sollen früh erkannt werden. Schließlich wäre ein technisches Desaster beim Start fatal – das Vertrauen in eine Währung ist empfindlich, wie Herbst bildreich beschreibt: „Stellen Sie sich vor, das Bargeld würde im Geldbeutel technologisch zerbröseln.“
Die Gretchenfrage: Was bringt mir das?
Man könnte meinen, ein neues Zahlungsmittel ist eine reine Selbstverständlichkeit. Aber wer heute schon mit Karte, Handy oder Wero zahlt, fragt sich zu Recht: Wozu noch eine Option?
Bechtel differenziert dabei zwischen zwei Perspektiven. Aus EZB-Sicht gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe: Der digitale Euro ist letztlich eine digitale Form des Bargeldes – also Geld direkt von der Zentralbank, nicht von einer privaten Bank. Und Europa hat bis heute kein echtes pan-europäisches Zahlungssystem. Wer mit dem Handy in Spanien bezahlen will, scheitert an nationalen Grenzen.
Aus Verbrauchersicht hingegen ist das Bild weniger klar: Wenn man an der Kasse schon vier Zahloptionen hat, die alle zuverlässig funktionieren – was ist dann der echte Mehrwert eines fünften?
Herbst setzt auf ein anderes Argument: Kosten. Händler zahlen heute erhebliche Gebühren an Anbieter wie PayPal oder Visa. Der digitale Euro könnte günstiger sein – und im Idealfall landen Ersparnisse zumindest teilweise beim Verbraucher.
Das stärkste Argument für beide Experten bleibt aber: Privatsphäre und Offline-Zahlung. Im digitalen Raum kann man heute nicht anonym zahlen – das geht nur mit Bargeld. Der digitale Euro könnte diese Lücke schließen: kontrollierte Anonymität bis zu einem gewissen Betrag, kombiniert mit der Möglichkeit, auch ohne Internetverbindung zu bezahlen.
Programmierbar? Die Antwort lautet: Nein – und das hat gute Gründe
Kein anderes Thema rund um den digitalen Euro zieht so viel emotionale Aufregung auf sich wie die Programmierbarkeit. Die Fantasien reichen von Geld, das nach 30 Tagen verfällt, über regionsbegrenztes Ausgeben bis hin zu Einschränkungen beim Alkoholkauf.
Bechtel räumt klar auf: „Die EZB hat sehr offen kommuniziert, dass Programmierbarkeit nicht geplant ist.“ Und er fügt ein elegantes ökonomisches Argument hinzu: Sobald man einen Euro programmiert, verliert er seine Fungibilität. Ein Euro, den ich nur im Umkreis von 10 km ausgeben kann, ist weniger wert als ein freier Euro. Das widerspricht dem Grundprinzip einer Einheitswährung – und hätte die EZB niemals im Interesse.
Was er aber für sinnvoll hält: Programmierbarkeit als freiwilliges Add-on – zum Beispiel als Option für Sozialleistungen, die für bestimmte Zwecke vorgesehen sind. Der entscheidende Unterschied: Das Geld selbst bleibt neutral. Einschränkungen wären eine Schicht obendrauf, kein Teil des Geldes.
Bleibt die grundsätzliche Frage: Kann man der Zentralbank vertrauen? Bechtel ist nüchtern: „Solange wir Zentralbankgeld nutzen, müssen wir der Zentralbank vertrauen. Wer das nicht tut, sollte das Geld nicht benutzen.“ Herbst ergänzt, dass die eigentliche Sicherung nicht Misstrauen gegenüber Technologie ist, sondern ein funktionierender Rechtsstaat – mit Gewaltenteilung und gesellschaftlicher Kontrolle.
Datenschutz: Was die Zentralbank sieht – und was nicht
Keine komplette Anonymität – das steht fest. Aber wie weit geht die Transparenz?
Bechtel erklärt das Modell: Nutzer bekommen Zugang zum digitalen Euro über ihre Hausbank. Die Bank sieht die Transaktionen – aber die EZB sieht nur aggregierte Daten auf Bankebene, kein 1:1-Mapping zu Einzelpersonen. Die datenschutzfreundlichste Variante wäre die geplante Offline-Zahlung, bei der vermutlich sogar die Bank nichts sieht.
Für die Zukunft setzt Bechtel auf Zero-Knowledge-Proofs – eine Technologie, die es erlaubt, Zahlungen nachzuweisen, ohne die Details preiszugeben. Er hat dazu gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut sogar einen Prototypen entwickelt. Die Technologie ist noch jung, aber das Potenzial ist enorm: vollständige Anonymität bis zu einer definierten Grenze – technisch verifiziert, nicht nur versprochen.
Die Anonymitätsgrenze für Offline-Zahlungen könnte bei 150 Euro liegen – eine Zahl, die aus der bestehenden Regulierung für anonyme Digitaltransaktionen stammt. Bechtel findet das ausbaufähig, aber pragmatisch.
Stablecoins: Der amerikanische Weg
Während Europa an einem staatlichen digitalen Euro baut, hat die USA unter Trump eine klare Richtung eingeschlagen: keine staatliche CBDC, aber regulierte private Stablecoins.
Was ist ein Stablecoin? Im Kern: privates, digitales Geld auf einer Blockchain. In Europa sind solche Token als E-Geld reguliert und müssen eins zu eins durch sichere Anlagen gedeckt sein – Bankeinlagen, kurzlaufende Staatsanleihen. Regelmäßige Audits stellen sicher, dass das Versprechen eingehalten wird.
Der Vorteil gegenüber dem digitalen Euro? Stablecoins laufen auf Blockchain-Infrastruktur und sind damit rund um die Uhr, rund um den Globus, fast kostenlos übertragbar – so einfach wie eine Textnachricht. Für grenzüberschreitende Zahlungen oder tokenisierte Assets sind sie heute schon relevant.
Bechtel sieht beide Ansätze als Ergänzung, nicht als Konkurrenz: Der digitale Euro deckt den Alltag an der Kasse oder im Supermarkt ab, Stablecoins eher den globalen und blockchain-basierten Zahlungsverkehr. „Bei Rewe werde ich nicht bald mit einem Stablecoin zahlen“, bringt er es auf den Punkt.
Banken zittern – aber zu Recht?
Dass Banken dem digitalen Euro skeptisch gegenüberstehen, überrascht kaum. Herbst erklärt warum: Das Girokonto ist für Banken das klassische Ankerprodukt – wer ein Konto hat, kommt auch für Kredite, Geldanlagen und Versicherungen. Wenn Kunden nun Geld lieber im digitalen Euro-Wallet parken, drohen Einlagenabflüsse. Und ohne Einlagen gerät das Bankensystem unter Druck.
Deshalb wurde ein Haltelimit diskutiert – wahrscheinlich 3.000 Euro, vielleicht sogar noch weniger. Herbst spekuliert, dass sich die Grenze an der laufenden Geldwäschediskussion orientieren könnte, die in Deutschland eine Bargeld-Obergrenze von 1.000 Euro ins Gespräch bringt.
Das Limit macht Sinn: Der digitale Euro soll ein Zahlungsmittel für den Alltag sein – keine Sparanlage. Wer 50.000 Euro ins Wallet laden will, hat das Konzept missverstanden.
Und das Bargeld? Es stirbt nicht durch Verbot
Wird Bechtelʼs Sohn je mit Bargeld zahlen? Wahrscheinlich kaum. Aber nicht wegen eines Verbots – sondern weil wir selbst immer weniger Bargeld nutzen. Wenn Restaurants, Bistros und Supermärkte keine Bargeld-Infrastruktur mehr vorhalten, weil sich das nicht mehr rechnet, verschwindet es schleichend aus dem Alltag.
Herbst betont dabei: Die Zentralbank hat kein Interesse, Bargeld abzuschaffen – es ist ihr erfolgreichstes Produkt. Die Bundesbank hat sogar ein eigenes Bargeldforum gegründet, um Bargeld-Nutzer zu unterstützen. Und die Abschaffung des 500-Euro-Scheins war kein Frontalangriff auf Cash, sondern eine Reaktion auf mangelnde Nutzung im Alltag.
Das stärkste Argument für Bargeld bleibt dabei ungebrochen: Anonymität. Dieses Attribut wird kein digitales System vollständig replizieren können – und das sollte man aktiv verteidigen.
Fazit: Kein Teufelszeug, aber auch kein Wundermittel
Der digitale Euro kommt – wahrscheinlich. Er ist weder die Bedrohungswaffe autoritärer Überwachungsstaaten, als die er von manchen dargestellt wird, noch die revolutionäre Lösung, die das Zahlungsleben grundlegend verändern wird.
Was er sein kann: eine sinnvolle Ergänzung, die echte Lücken füllt – Privatsphäre im digitalen Zahlungsverkehr, Offline-Fähigkeit, europäische Unabhängigkeit von US-Netzwerken und günstigere Kosten für Händler. Was er nicht sein sollte: ein staatlich aufgedrängtes Zahlungsmittel, das privatwirtschaftliche Innovation verdrängt.
Und wer dem ganzen noch skeptisch gegenübersteht? Bleibt beim Bargeld. Zumindest solange es noch Geldautomaten gibt.

