Endlich gut mit Geld: Was Geldanlage wirklich bedeutet – Interview mit Dr. Nikolaus Braun

Über Geld spricht man nicht – diesen Satz kennen wir alle. Aber genau darin liegt das Problem. Wer nie gelernt hat, offen über Geld nachzudenken, trägt oft jahrelang unreflektierte Glaubenssätze mit sich, die das eigene Finanzverhalten stillschweigend steuern. Dr. Nikolaus Braun, Honorarberater, Spiegel-Kolumnist und Grenzgänger zwischen Geisteswissenschaft und Finanzsektor, hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet: „Endlich gut mit Geld“, erschienen am 19. März 2025.

Im Gespräch mit Thomas von Investiert in Wissen spricht Braun darüber, warum gute Fragen oft wichtiger sind als fertige Antworten, welche blinden Flecken die meisten Menschen in ihrer Finanzplanung haben – und warum ein ETF-Sparplan am Ende fast immer besser abschneidet als eine fondsgebundene Rentenversicherung.

Glaubenssätze und Geldtraumata: Der unsichtbare Einfluss der Vergangenheit

Eines der zentralen Themen in „Endlich gut mit Geld“ ist die Frage, warum wir mit Geld so umgehen, wie wir es tun. Braun erklärt, dass die meisten Menschen unreflektierte Glaubenssätze aus der Kindheit mit sich tragen – Überzeugungen, die nie bewusst gewählt wurden, aber das Verhalten im Alltag maßgeblich steuern.

In manchen Fällen gehen diese Prägungen tiefer: Familien, in denen Geld als Machtmittel eingesetzt wurde, finanzielle Krisen, die das Sicherheitsgefühl dauerhaft erschüttert haben, oder Eltern, in deren Schatten man finanziell nie herausgewachsen ist. Braun spricht in diesem Zusammenhang von echten Geldtraumata – und davon, dass hier manchmal professionelle psychologische Unterstützung sinnvoller ist als jede Finanzberatung.

In den USA hat sich dafür der Begriff „Financial Therapy“ etabliert. In Deutschland gibt es dieses Feld bislang kaum – ein Missstand, den Braun klar benennt.


Wohlfühlvermögen: Wann macht mehr Geld wirklich glücklicher?

Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse aus dem Buch betrifft das Verhältnis zwischen Geld und Zufriedenheit. Viele Menschen verschieben ihr Glück auf eine magische Zahl: „Wenn ich erst 20 Prozent mehr verdiene, dann bin ich zufrieden.“ Doch sobald dieses Ziel erreicht ist, verschiebt sich die Messlatte erneut.

Quelle: Endlich gut mit Geld von Nikolaus Braun

Braun nennt das ein „Moving Target“ – und zeigt, dass finanzielle Zufriedenheit keine Frage des Endvermögens ist, sondern der Haltung. Sobald Grundbedürfnisse wie Wohnen, Ernährung und soziale Teilhabe gesichert sind, entscheidet nicht mehr die Zahl auf dem Konto, sondern der Umgang damit.

Besonders eindrucksvoll: Braun beschreibt den vorzeitigen Ruhestand als Risiko, das viele unterschätzen. Wer jahrzehntelang über seinen Beruf soziale Verbindungen, intellektuelle Erfüllung und Identität bezogen hat, verliert beim Ausscheiden aus dem Berufsleben nicht nur die Arbeit – sondern oft auch sich selbst.

Auf YouTube findet ihr unser komplettes Gespräch

Der blinde Fleck Nr. 1: Die Vorsorgevollmacht

Wenn Braun von den häufigsten Lücken in der Finanzplanung spricht, steht ein Thema ganz oben: die Vorsorgevollmacht. Erschreckend viele Menschen haben keine – obwohl die Konsequenz ohne sie klar ist: Im Falle eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung entscheidet ein vom Amtsgericht bestellter Berufsbetreuer über finanzielle und rechtliche Angelegenheiten.

Ein Berufsbetreuer kennt die betroffene Person nicht, hat oft Dutzende solcher Fälle gleichzeitig und agiert aus nachvollziehbaren Gründen risikoavers. Wer stattdessen eine Person des Vertrauens bevollmächtigen möchte, kann das mit einer Vorsorgevollmacht selbst festlegen – auf Basis der Vordrucke des Bundesjustizministeriums, notariell beglaubigt.

Braun schildert aus eigener Erfahrung, wie aufwändig und belastend es ist, wenn diese Vollmacht fehlt – und wie einfach die Lösung eigentlich wäre, wenn man sich einmal überwindet, das Thema anzugehen.


Versicherung ist kein Sparprodukt – und die Rechnung beweist es

Ein weiteres zentrales Kapitel widmet sich Versicherungen und der Unterscheidung zwischen solchen, die wirklich schützen, und solchen, die vor allem Vertriebsinteressen bedienen.

Besonders kritisch bewertet Braun die Kombination aus Berufsunfähigkeitsversicherung und Rentenversicherung. Wer aus einem solchen Koppelprodukt herausmöchte, kann die BU im schlimmsten Fall nur durch Beitragsfreistellung aufgeben – und steht dann Jahre später ohne Absicherung da, möglicherweise mit einer verschlechterten Gesundheitslage.

Noch deutlicher wird die Rechnung zur fondsgebundenen Rentenversicherung: Bei identischen Renditeannahmen und einer Laufzeit von 30 Jahren ergibt sich durch Kosten und steuerliche Effekte ein Unterschied von über 130.000 Euro zugunsten des ETF-Sparplans. Brauns Fazit: Der Steuervorteil der Rentenversicherung ist eine akustische Täuschung. Die Steuerersparnis ist in aller Regel niedriger als die Produktkosten.


ETF statt Stockpicking: Was die Wissenschaft wirklich sagt

Braun zitiert eine Langzeitstudie von John Bogle, dem Erfinder des Indexfonds: Von 355 aktiv gemanagten Fonds, die über 46 Jahre beobachtet wurden, konnten lediglich zwei dauerhaft eine Überrendite von mehr als zwei Prozent erzielen – und auch diese waren im Vorhinein nicht identifizierbar.

Wer als Privatanleger auf Stockpicking setzt, zahlt einen doppelten Preis: höhere Kosten und verlorene Zeit für etwas, das statistisch kaum funktioniert. Die Alternative: breit gestreut, weltweit diversifiziert, langfristig durchhalten. Nicht das aufregendste Rezept – aber das evidenzbasiert beste.


Die 4-Töpfe-Strategie: Einfach, nachvollziehbar, wirksam

Für den praktischen Vermögensaufbau empfiehlt Braun ein einfaches Strukturprinzip mit vier Töpfen: Notgroschen für unvorhergesehene Ausgaben, mittelfristige Rücklagen für geplante größere Anschaffungen, ein Topf für lustvollen Konsum – bewusst reserviert für Erlebnisse und Urlaub, ohne schlechtes Gewissen – und schließlich der langfristige Vermögensaufbau über einen ETF-Sparplan.

Der dritte Topf mag überraschend wirken. Doch Braun ist überzeugt: Wer konsequent spart, ohne sich je etwas zu gönnen, läuft Gefahr, dass das Vermögen zum Selbstzweck wird. Der Konsum-Topf schafft Erlaubnis und Klarheit zugleich.


Fazit: Ein Buch, das mehr Fragen stellt als Antworten gibt – und genau das ist der Punkt

„Endlich gut mit Geld“ ist kein klassisches Finanzbuch. Es liefert keine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Reichtum. Stattdessen regt es dazu an, den eigenen Umgang mit Geld zu hinterfragen – und dabei nicht nur an Rendite, sondern auch an Lebensqualität zu denken.

Brauns Ansatz lässt sich auf einen Satz reduzieren: Die richtige Frage ist nicht, wie ich mein Leben gestalten muss, um möglichst reich zu werden – sondern wie ich Geld einsetze, um möglichst viel von meinem Leben zu haben.

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen