„Man braucht 64 Jahre“ – Klartext vom Dimensional-Deutschlandchef
Es gibt diesen einen Fondsanbieter, der über 800 Milliarden bewegt, der seit Jahrzehnten ohne eine einzige Provision arbeitet – und den trotzdem fast niemand kennt. Kein Wunder: Dimensional macht keine Werbung, ist auf keinem Fondskongress, sucht das Rampenlicht nicht. Genau deshalb war ich gespannt, als sich Lukas Schneider, Deutschlandchef und Vice President von Dimensional, für ein ausführliches Gespräch Zeit genommen hat.
Und ja – wir sind ehrlich miteinander umgegangen. Ich habe ihn nicht nur die schönen Geschichten erzählen lassen, sondern ihn auch mit den unbequemen Zahlen konfrontiert. Hier kommen die wesentlichen Aussagen, und du wirst sehen: Es ist nicht alles Gold, was wissenschaftlich glänzt.
Wer ist Dimensional überhaupt?
Fangen wir bei meiner Lieblingsfrage an: Wo kommt das Geld her – und wo kommt eigentlich diese Firma her?
Die Antwort ist tatsächlich ein Stück Finanzgeschichte. Die Gründer von Dimensional waren bei den allerersten Experimenten mit Indexfonds dabei. 1971 startete John McQuown bei der Wells Fargo Bank den ersten institutionellen Indexfonds – der Geldgeber war übrigens der Kofferhersteller Samsonite. Und Dimensional-Gründer David Booth war damals als Assistent von Eugene Fama frisch von der Uni mit dabei, noch bevor John Bogle mit Vanguard den ersten öffentlichen Indexfonds auf den Markt brachte.
1981 wurde Dimensional dann gegründet – mit einer für die Zeit fast verrückten Idee: einen breit gestreuten, kostengünstigen Small-Cap-Fonds anzubieten. Den Russell 2000 Index gab es damals noch gar nicht. Das war echte Pionierarbeit.
Die ersten zehn Jahre arbeitete Dimensional ausschließlich für institutionelle Kunden wie Pensionskassen. Privatanleger waren lange gar nicht die Zielgruppe – und das erklärt auch, warum der Name hierzulande so unbekannt ist.
45 Jahre ohne Provision – „Clean“ statt „Dirty“
Für mich als Honorarberater war ein Punkt besonders interessant: Dimensional zahlt seit 45 Jahren keine Provisionen. Keine Abschlussprovision, keine Bestandsprovision, nichts.
Im Fachjargon heißen diese Produkte „Clean Share Classes“ – sauber, eben frei von Provisionen. Lukas hat es trocken auf den Punkt gebracht: Wenn das die sauberen sind, wie nennt man dann wohl den ganzen Rest? Richtig: „Dirty Share Classes“.
Genau deshalb funktioniert Dimensional nur mit Beratern, die offen zum Kunden sagen: „Hier ist mein Honorar, meine Servicegebühr, mein Stundensatz.“ Ein Geschäftsmodell, das mir naturgemäß sehr sympathisch ist – und das in Deutschland einen eher holprigen Start hatte, weil man ohne Provision im Gepäck nun mal langsamer wächst.
Die ETF-Wende – und warum sie mit einer steuerlichen Absurdität zu tun hat
Lange gab es Dimensional bei uns nur über akkreditierte Berater. Ich bin selbst so ein akkreditierter Berater, und das hatte immer etwas von Exklusivität: Wer die Fonds wollte, kam nur über jemanden wie mich.
Seit November ist damit Schluss. Dimensional hat ETFs in Deutschland zum Vertrieb zugelassen – und damit den eigenen Beratern die Exklusivität ein Stück weit weggenommen. Warum tut man so etwas?
Die ETF von Dimensional hab ich euch in dieser Tabelle zusammengefasst:

Die Antwort ist eine kleine Steuer-Posse, über die Lukas selbst nur den Kopf schütteln kann. In Irland aufgelegte ETFs zahlen auf US-Dividenden nur 15 % Quellensteuer – ein klassischer Fonds dagegen 30 %. Bei einem global gestreuten Aktienkorb sind das schnell 15 bis 20 Basispunkte Vorteil pro Jahr. Bei Gesamtkosten von 20 bis 30 Basispunkten ist das ein gewaltiger Hebel.
Macht diese Regel Sinn? Lukas‘ ehrliche Antwort: nein. Es ist genau dieselbe Unlogik, die er auch bei vielen anderen Dingen im Finanzsystem sieht – Hauptsache, man kennt sie und nutzt sie zum Vorteil des Kunden.
„Ist passiv eigentlich wirklich passiv?“
Jetzt wird es spannend, denn hier räumt Lukas mit einem Glaubenssatz auf. Dimensional bezeichnet seinen Ansatz nicht als passiv, sondern als „systematisch aktiv“ – eine Weiterentwicklung des Indexings.
Sein Argument hat es in sich: Auch hinter jedem vermeintlich passiven Indexfonds stecken aktive Entscheidungen. Nimm allein die US-Small-Caps – dafür gibt es einen S&P-, einen Russell- und einen FTSE-Index, alle für denselben Markt, und sie unterscheiden sich um zwei bis vier Prozentpunkte pro Jahr. Oder nimm den S&P 500: Wann kommt eine Firma wie SpaceX rein? Werden dafür Regeln gebogen? All das sind aktive Entscheidungen eines Indexkomitees.
Dimensional macht es anders. Sie definieren ihr Anlageuniversum selbst, fragen die Wissenschaft, und passen die Portfolios täglich in kleinen Schritten an – statt nur vierteljährlich an den großen, teuren Rebalancing-Tagen der Indizes. Die Frage, die du dir laut Lukas also stellen solltest, ist nicht „aktiv oder passiv?“, sondern: Wer bildet mir die Anlageklasse, die ich will, am saubersten und günstigsten ab?
Der unbequeme Moment: MSCI World schlägt Dimensional
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich es genau wissen wollte. Denn schöne Wissenschaft ist das eine – die nackte Performance das andere.
Ich habe Lukas die Zahlen direkt vorgelegt: Von 2011 bis heute hat der iShares Core MSCI World rund 512 % gemacht, der Dimensional Global Core dagegen „nur“ 451 %. Ein deutlicher Unterschied – zugunsten des stinknormalen Standard-ETFs.

Lukas ist dem nicht ausgewichen, und das rechne ich ihm hoch an. Die Erklärung: Der MSCI World gewichtet stur nach Marktkapitalisierung und ist damit voll im Lauf der letzten Jahre – Large Caps, Growth, Tech. Eine Nvidia ist dort extrem hoch gewichtet, bei Dimensional nur etwa halb so stark. Dimensionals Bausteine setzen dagegen bewusst stärker auf kleine Unternehmen, auf Value und auf profitable Firmen – also genau auf die Faktorprämien, die im Tech-Jahrzehnt eben nicht gelaufen sind. Gegen einen breiteren All Country World hat Dimensional übrigens ungefähr gleichauf abgeschnitten.
Die ehrliche Botschaft dahinter: Wer auf Faktoren setzt, braucht Geduld. Viel Geduld.
„64 Jahre“ – die Zahl, die hängenbleibt
Und damit zum Satz des Abends. Auf meine Frage, wie lange Anleger denn nun noch warten müssen, bis sich die Faktorprämien zeigen, zitierte Lukas den Forscher Ken French – einen der Väter des Faktormodells. Dessen Antwort: Um eine Outperformance statistisch wirklich zu bestätigen, brauche es 64 Jahre.
Ich musste lachen: Das kann man ja schlecht als Marketing nehmen. Lukas hat es eingeordnet und auf realistischere 10 bis 15 Jahre heruntergebrochen. Aber der Punkt bleibt: Es gab in der Vergangenheit sogar einen Zeitraum von 17 Jahren, in dem Aktien schlechter liefen als simple US-Staatsanleihen. Trotzdem hat niemand den Glauben an die Aktienmärkte verloren. Genauso ist es bei den Faktorprämien – sie kommen oft kurz, konzentriert und unvorhersehbar. Timen lassen sie sich nicht. Wer sie will, muss durchgehend investiert sein.
Value-Prämie, Warren Buffett und das Ende des Stockpickings
Auch beim Thema Value habe ich nachgebohrt – und Lukas eine vielzitierte Studie von Eugene Fama und Kenneth French aus dem Jahr 2020 vorgehalten. Ausgerechnet von den beiden Forschern, die die Value-Prämie überhaupt erst populär gemacht haben und die bei Dimensional als Berater an Bord sind.
Worum geht es darin? Fama und French vergleichen den Zeitraum ihrer Originalstudie (1963–1991) mit der Zeit danach (1991–2019). Das Ergebnis ist ernüchternd: Die tatsächlich realisierte Value-Prämie gegenüber dem Markt ist massiv eingebrochen. Bei den großen Value-Aktien etwa von 0,36 % auf magere 0,05 % pro Monat, beim gesamten Value-Korb von 0,42 % auf 0,11 %. Auf den ersten Blick sieht das aus, als wäre die Prämie so gut wie weg.
Aber – und das ist der ehrliche Teil – statistisch lässt sich das gar nicht sauber belegen. Die Schwankungen Monat für Monat sind so groß, dass man weder sicher sagen kann, dass die erwartete Prämie überhaupt noch existiert, noch, dass sie wirklich gesunken ist. Die Unsicherheit geht in beide Richtungen. Über die gesamte Stichprobe von 1963 bis 2019 bleibt die Value-Prämie sogar verlässlich positiv. Wer es selbst nachlesen will: Das Paper gibt es kostenlos als PDF (Fama/French 2020, „The Value Premium“, S. 4–5).
Lukas bleibt entsprechend optimistisch: Weil Growth-Aktien gerade extrem teuer sind, ist der Abstand zwischen günstigen und teuren Aktien aktuell besonders groß – für ihn ein guter Ausgangspunkt nach vorne.

Einig waren wir uns beim klassischen Stockpicking. Würde ein junger Warren Buffett heute noch dieselbe Karriere hinlegen? Wohl kaum. Früher hat man sich Geschäftsberichte schicken lassen und Papierstapel durchgearbeitet. Heute wirft man 1.000 Seiten in eine KI und lässt auswerten. Die Märkte sind effizienter geworden, tausende Analysten mit MBA, PhD und CFA schauen täglich auf dieselben Kurse. Genau diese Effizienz war übrigens die Geburtsstunde von Dimensionals Ansatz – David Booth hat sie bei seinem Doktorvater Eugene Fama direkt aufgesogen.
Wo Dimensional den echten Mehrwert sieht
Wenn man die Größe der Prämien nicht beeinflussen kann – was bleibt dann? Lukas‘ Antwort ist erfrischend nüchtern: die Kosten.
Die Prämien schwanken irgendwo zwischen ein und drei Prozent. Wer sie mit hohen Transaktions-, Management- und Umschlagskosten einsammelt, macht sie schnell kaputt. Dimensionals Kunst liegt im Handwerk: Sie kreuzen nicht stur die Geld-Brief-Spanne, sondern stellen ihre Order geduldig in den Markt und warten, bis ein Index- oder aktiver Manager zu ihnen kommt, der unbedingt handeln muss. Macht in der Summe 10 bis 15 Basispunkte Mehrwert. Klingt klein – läppert sich über Jahrzehnte aber gewaltig.
Der Haken: Wenn die Small- und Value-Prämien negativ sind, schluckt das diese schöne Handwerksarbeit komplett. Man sieht sie dann schlicht nicht.
Warum du Lukas Schneider kaum auf großen Finanzkanälen siehst
Zum Schluss noch das, was mich als Macher dieses Kanals besonders interessiert hat: Warum ist jemand wie Lukas so selten zu Gast bei den großen Finanz-YouTubern?
Seine Antwort war angenehm klar. Dimensional fühlt sich in der B2B-Welt der Finanzplaner wohl und sucht das Rampenlicht bewusst nicht. Den ganzen Lärm aus Magazinen und Social Media nennt er, in Anlehnung an Gerd Kommer, „Investmentpornografie“ – jeder muss eben irgendetwas verkaufen. Dimensional versteht sich da als Gegenpol: keine Reklame, keine bezahlte Werbung, stattdessen Unterstützung für seriöse Finanzplanung und den CFP-Verband.
Passend dazu der Tipp aus dem Gespräch: der 80-minütige Dokumentarfilm „Tune Out the Noise„, der genau diese Geschichte erzählt – von den ersten Indexfonds bis zu den Nobelpreisträgern. Über 30 Millionen Views, und das zu Recht.
Mein Fazit
Was bleibt? Ein Gespräch, das mich in meiner Grundhaltung bestärkt hat: Es gibt nicht das eine „passive“ Investieren. Hinter jedem Produkt steckt eine Entscheidung – und du solltest wissen, welche.
Dimensionals Ansatz ist absolut vernünftig und für jeden Anleger einen Blick wert. Aber er ist kein Wundermittel. Er verlangt Geduld, manchmal über sehr lange Strecken, und er belohnt dich nur, wenn du die Kosten im Griff hast und nicht beim ersten schwachen Jahrzehnt nervös wirst. Genau das macht ein guter Berater oder eben ein disziplinierter Anleger: den Lärm ausblenden und bei seinem Konzept bleiben.
Und am Ende führt eben alles zurück zu der Frage, die ich nie müde werde zu stellen: Wo kommt das Geld her? Bei Dimensional kommt es nicht aus Provisionen und nicht aus cleveren Wetten – sondern aus breiter Streuung, eiserner Kostendisziplin und einer guten Portion Geduld.
Das vollständige Gespräch mit Lukas Schneider findest du als Video auf meinem Kanal. Schreib mir gern in die Kommentare, wie du Dimensionals Ansatz siehst – und ob du selbst Faktor-Bausteine in deinem Portfolio hast.

