SpaceX-Milliarden und Bitcoin-Beben: Zwei Extreme an einem Tag
Eine Einordnung aus unserer Sonderfolge von Kapitaler Unfug vom 4.6.2026
Manchmal liefert die Börse zwei Geschichten gleichzeitig, die unterschiedlicher kaum sein könnten. An einem einzigen Tag bereitet SpaceX den größten Börsengang der Geschichte vor – während Bitcoin rund die Hälfte seines Höchststands eingebüßt hat. Gier auf der einen, Angst auf der anderen Straßenseite. Genau das haben wir uns angeschaut. Und wie immer gilt: Das hier ist unsere persönliche Meinung, keine Anlageberatung.
SpaceX: die teuerste Story der Welt?
Die Eckdaten lesen sich spektakulär. Am 12. Juni soll SpaceX zu einem Ausgabepreis von 135 Dollar je Aktie an die Börse gehen – bei einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar. Das wäre der größte IPO aller Zeiten.
Jetzt kommt der Reality-Check. Dem stehen ein Jahresumsatz von rund 18 Milliarden Dollar und ein Nettoverlust von fast 5 Milliarden gegenüber. Setzt man Kurs und Umsatz ins Verhältnis, landet man bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 95. Zur Einordnung: Selbst notorisch hoch bewertete Software-Firmen wie Palantir liegen deutlich darunter, und sogar die viel diskutierten KI-Unternehmen wirken im Vergleich fast bodenständig.

Heißt das, SpaceX ist ein schlechtes Unternehmen? Nein. Starlink wächst stark und ist profitabel, die Raumfahrt ist faszinierend, und Elon Musk hat mehrfach bewiesen, dass er Unmögliches möglich macht. Aber eine interessante Firma ist eben nicht für jeden Preis ein gutes Investment. Wer hier kauft, bezahlt zu großen Teilen die Zukunftsfantasie – und nimmt obendrein in Kauf, dass eine einzige Person über rund 85 Prozent der Stimmrechte verfügt. Als Aktionär ist man dem ausgeliefert, was Musk sich überlegt.
Eine Randnotiz, die hängenbleibt: Hält die Bewertung, würde Musk zum ersten Billionär der Welt. Aber wie viel ist eine Billion überhaupt? Eine kleine Eselsbrücke: Stell dir vor, eine Sekunde wäre ein Dollar. Eine Million Dollar wären dann 12 Tage. Eine Milliarde wären 32 Jahre – ein ganzes Berufsleben. Und eine Billion? Rund 31.700 Jahre, zurück bis in die letzte Eiszeit. Genau dieser Sprung von der Milliarde zur Billion ist es, den unser Gehirn kaum fassen kann.

„Lex SpaceX“: Wenn die Index-Regeln plötzlich passen
Spannend – und für jeden ETF-Sparer relevant – wird es beim Thema Indizes. Normalerweise müssen frisch gelistete Firmen Monate bis zu einem Jahr warten, bevor sie in große Indizes aufgenommen werden. Diese Wartezeit existiert aus gutem Grund: Sie gibt dem Markt Zeit für eine echte Preisfindung und schützt passive Anleger davor, in eine illiquide, ungetestete Aktie gedrängt zu werden.
Ausgerechnet kurz vor dem SpaceX-IPO wurden diese Regeln gelockert. Die Nasdaq erlaubt großen Neulingen über eine „Fast Entry“-Regel die Aufnahme schon nach 15 Handelstagen und hat die Mindest-Streubesitz-Anforderung gestrichen. FTSE Russell geht über einen ähnlichen Mechanismus sogar in Richtung fünf Tage. Der zeitliche Zusammenhang ist auffällig – und Kritiker von der Wall Street bis zu prominenten Investoren haben das deutlich angesprochen.
Hier liegt der wunde Punkt am passiven Investieren: Index-Fonds müssen kaufen, was im Index landet – egal zu welchem Preis. Wer einen MSCI World oder einen vergleichbaren ETF bespart, kauft SpaceX also bald automatisch mit, ohne je eine Entscheidung getroffen zu haben. Bei MSCI ist die Lage etwas anders: Dort existiert die Schnellaufnahme für große IPOs schon seit 2007, da musste also nichts „aufgeweicht“ werden. Wegen des geringen Streubesitzes wäre SpaceX zunächst nur ein kleiner Posten – aber er wächst mit der Zeit.
Die Pointe: „Passiv“ heißt nicht „neutral“. Es heißt nur, dass man das Urteil an denjenigen delegiert, der die Index-Regeln schreibt. Und es lohnt sich, künftig genauer hinzuschauen, welcher Index wirklich solide aufgebaut ist – zumal dieselben Regeln bald auch für andere Mega-IPOs greifen werden.
Bitcoin: Wenn die Hebel-Maschine rückwärts läuft
Themenwechsel, andere Stimmung. Bitcoin notiert rund 50 Prozent unter seinem Allzeithoch von rund 126.000 Dollar aus dem Oktober 2025. Aus den Bitcoin-ETFs fließt zunehmend Geld ab statt hinein – ein Stimmungswandel, der sich über Wochen aufgebaut hat.
Der eigentliche Aufreger ist aber eine Firma: Strategy (vormals MicroStrategy) von Michael Saylor. Das Geschäftsmodell war jahrelang eine elegante Maschine: neue Aktien oder Anleihen ausgeben, davon Bitcoin kaufen, Kurs treibt Aktie, Aktie finanziert nächsten Kauf. Solange die Aktie mehr wert ist als der Bitcoin-Bestand, läuft das Schwungrad. Das Problem: Dieses Schwungrad funktioniert in beide Richtungen. Fällt Bitcoin, dreht es sich rückwärts.
Und genau das deutet sich an. Strategy hat erstmals seit 2022 Bitcoin verkauft – ein kleiner, fast symbolischer Verkauf, aber ein Signal. Hintergrund sind hohe laufende Dollar-Verpflichtungen, etwa Dividenden auf ausgegebene Vorzugsaktien, die bedient werden müssen, während die Vermögenswerte in Bitcoin stecken. Ein echter Margin-Call wie bei einem Hebel-Trader droht zwar nicht – die Wandelanleihen haben keine solchen Klauseln. Der kritische Moment ist eher mittelfristig, wenn ab 2028 die ersten großen Fälligkeiten und Rückgabe-Fenster der Anleihen aufgehen. Trifft ein tiefer Bitcoin-Kurs dann auf fällige Schulden, könnte aus „Testverkauf“ echter Verkaufsdruck werden.

Besonders pikant macht die Geschichte ein Detail: Derselbe Michael Saylor hatte seinen Followern einst zugerufen, sie sollten lieber „eine Niere verkaufen, aber den Bitcoin behalten“ (siehe Posting von X unten). Der Mann, der das kompromisslose Halten zur Marke gemacht hat, verkauft nun selbst. Das ist Kapitaler Unfug in Reinform.

Was bleibt
Beide Geschichten erzählen dasselbe Grundmuster: Eine gute Story zieht Kapital an, eine Bewertung löst sich von den Fundamentaldaten, und irgendwann stellt sich die Frage, wer den nächsten, noch höheren Preis bezahlt. Bei SpaceX ist das die Zukunftsfantasie Weltraum, bei Bitcoin der Glaube an immer neue Käufer.
Das soll kein Crash-Alarm sein. Bitcoin wurde schon mehrfach totgesagt und kam zurück, und SpaceX könnte durchaus eine glänzende Zukunft haben. Aber gesunde Skepsis schadet nie – gerade dann, wenn eine Sache „zu schön, um wahr zu sein“ klingt und die Euphorie am größten ist.
Wie seht ihr das: Team SpaceX oder Team Bitcoin? Schreibt es uns in die Kommentare unter dem Video (Link zu YouTube)

Dieser Beitrag gibt ausschließlich unsere persönlichen Meinungen zu Bildungs- und Unterhaltungszwecken wieder und stellt keine Anlageberatung dar. Investitionsentscheidungen trefft ihr eigenverantwortlich. Alle Zahlen entsprechen dem Stand zum Zeitpunkt der Sendung.

