Reich werden ist das eine – reich bleiben das andere: Mein Gespräch mit Gerd Kommer
Über zwei Stunden, 34 Grad in München, und Gerd Kommer sitzt die ganze Zeit mit Krawatte da, ohne ein einziges Mal die Contenance zu verlieren. Allein das verdient Respekt. Aber natürlich ging es bei unserem mittlerweile fünften gemeinsamen Video nicht um Disziplin bei Hitze, sondern um sein neues Buch: „Intelligent Vermögen schützen“. Und weil das Gespräch so vollgepackt war, gibt es das Ganze diesmal als Zweiteiler – inklusive Gewinnspiel, bei dem ihr zwei signierte Exemplare des Buchs gewinnen könnt. Das Hashtag-Wort dafür verrät Gerd erst ganz am Ende von Teil 2. Wir haben aber längst nicht nur über das Buch gesprochen: Unter anderem hat mir Gerd erzählt, wie er seinen viel beachteten Auftritt bei Ben ungeskriptet erlebt hat – und was er von Cancel Culture hält. Aber der Reihe nach.
Warum jetzt „intelligent“ statt „souverän“?
Wer Kommers Bücher kennt, erinnert sich vielleicht an „Souverän Vermögen schützen“ von Anfang 2021. Das neue Buch ist die Weiterentwicklung davon – diesmal geschrieben mit seinem Geschäftsführerkollegen Felix Großmann, und mit fünf Jahren zusätzlicher Erfahrung im Gepäck. 480 Seiten stark, davon rund 360 Seiten allgemeiner Vermögensschutz und etwa 120 Seiten speziell zum Thema Familienstiftung, schwerpunktmäßig in Liechtenstein.
Wichtig zur Einordnung: Das Buch richtet sich an Privatanleger im deutschsprachigen Raum, die entweder schon vermögend sind oder es werden wollen. Als eine Art magische Grenze nennt das Buch 500.000 Euro Nettovermögen – ab da wird es besonders relevant. Aber auch wer mit 30 sagt „da will ich in zehn oder fünfzehn Jahren hin“, findet hier reichlich Substanz. Denn die Kernbotschaft betrifft jeden: Es gibt zwei fundamentale Phasen im finanziellen Leben – die Phase des Vermögensaufbaus und die Phase des Vermögensschutzes. Oder platt gesagt: reich werden und reich bleiben. Und wer über Geldanlage nachdenkt, sollte sich zuerst ehrlich beantworten, in welcher Phase er eigentlich steckt.
Politisches Risiko – rational oder Panikmache?
Natürlich musste ich Gerd fragen, wo für ihn die Grenze zwischen berechtigter Vorsicht und der Panikmache verläuft, die gewisse Crash-Propheten hier auf YouTube so gerne betreiben. Seine Antwort war erfrischend klar: Er ist weltanschaulich chronischer Optimist. Pessimisten wirken kurzfristig oft schlauer – „ich hab’s dir ja immer gesagt“ –, aber am Ende haben die Optimisten mehr Erfolg. Die Welt geht nicht unter, weder am Klima noch am dritten Weltkrieg.
Und trotzdem: Politisches Risiko ist real und keineswegs Esoterik. Der Begriff kommt aus dem Banking, wo Kommer 24 Jahre gearbeitet hat. Gemeint sind Vermögensschäden, die aus staatlichem Handeln oder Unterlassen resultieren – von der Mietpreisbremse über Lockdown-Maßnahmen bis zur Enteignung, aber auch schlichte Misswirtschaft und verkommende Infrastruktur. Das Spannende: Man kann politisches Risiko sogar beziffern, etwa über die Zinsdifferenz zwischen ansonsten identischen Staatsanleihen verschiedener Länder. Und ja, Kommer sieht das politische Risiko in Deutschland heute höher als vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren – Stichwort Vermögenssteuer-Debatte. Sein Punkt dabei: Selbst wer unter einem etwaigen Freibetrag läge, wäre indirekt betroffen, weil deutsche Vermögenswerte für internationale Investoren unattraktiver würden.
Braucht ein Mensch Milliarden?
Ich habe die heiße Kartoffel trotzdem angefasst und gefragt, ob es ab einer gewissen Größenordnung nicht legitim ist, über Obergrenzen für Vermögen nachzudenken. Kommers Antwort fand ich bemerkenswert – nicht weil sie überraschend ausfiel, sondern wegen der Begründung: Wer sich die Forschung zu Wohlstand, Wachstum und Armut evidenzbasiert anschaut, stellt fest, dass Länder mit hoher Milliardärsdichte insgesamt reicher sind, ein höheres Medianeinkommen haben – und dass es dort auch den Ärmsten besser geht. Wer Milliardäre abschaffen will, sollte sich also ehrlich fragen, ob es ihm wirklich um die Armen geht oder um eine Neiddebatte. Übrigens mit einem unschmeichelhaften Befund für uns: In einer Befragung unter 13 westlichen Ländern landete Deutschland auf Platz zwei der neidischsten Nationen. Nur die Franzosen waren schlimmer.
Dazu passt der laut Kommer längste einzelne Abschnitt des Buchs: wie erstaunlich schnell und oft Reiche wieder arm werden. Wer konkrete reiche Familien über Jahrzehnte verfolgt – von Cornelius Vanderbilt bis in die Gegenwart –, beobachtet einen teils dramatischen Vermögenszerfall. Die allermeisten Reichen von vor 50 Jahren sind heute als Familie nur noch halb so reich oder gar keine Millionäre mehr. Und für den Extremfall reicht ein Blick auf René Benko. Reich bleiben ist eben kein Selbstläufer.
Downside Hedging: Der Traum von der Absicherung nach unten
Jeder Anleger träumt davon: volle Ertragschancen nach oben, aber abgesichert nach unten. Stop-Loss-Orders, Put-Optionen, inverse ETFs, Mietausfallgarantien – das Arsenal ist riesig. Kommers nüchternes Fazit aus der Forschung: Über lange Zeiträume und repräsentative Stichproben funktioniert dieses Downside Hedging schlecht bis gar nicht. Es kostet immer Zeit und Geld, und am Ende ist typischerweise sowohl die absolute als auch die risikoadjustierte Rendite schlechter. Ich kann das aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen – mein Ausflug in Reverse-Bonuszertifikate ging seinerzeit ordentlich in die Hose.
Das beste „Hedging“ ist streng genommen gar keins: die Beimischung risikoarmer, liquider, hochqualitativer zinstragender Anlagen zum Aktienportfolio. Kein Harry Potter, keine Wunder, aber transparent, verständlich – und es funktioniert. Genau so macht es Kommer übrigens auch privat: Sein liquides Vermögen steckt komplett in einem Weltportfolio, grob 50 bis 60 Prozent global gestreute Aktien-ETFs, rund 40 Prozent hochqualitative Zinsanlagen, dazu ein ganz kleiner Teil Krypto. Und mit 63 baut er konsequent sein Klumpenrisiko ab, indem er Anteile am eigenen Unternehmen veräußert. Er predigt also nicht nur, er lebt es.
Reich heiraten, Lotto spielen – oder Unternehmer werden
Einer meiner Lieblingsmomente: Kommers trockene Aufzählung der Wege zu großem Reichtum. Nahezu alle großen Vermögen entstehen aus unternehmerischer Tätigkeit – auch die ererbten, nur eben eine Generation früher. Daneben bleiben: reich heiraten (im 19. Jahrhundert eine völlig offizielle Strategie, wie der belesene Germanistik-Fan Kommer anmerkt), erben, Lotto, Kriminalität oder ein Jahrhunderttalent à la Mozart. Und nein – Trading-Coaches waren in keiner Epoche unter den Reichsten der Welt. Wenn ein Trading-Coach reich wird, dann durch den Verkauf seiner Kurse, nicht durch das Trading.

Das breit gestreute ETF-Investieren macht dagegen nicht märchenhaft reich, das war nie das Versprechen. Aber es gibt laut Kommer kein besseres Mittel, die eigene Altersvorsorge aufzupeppen. Dazu passt der Kostolany-Klassiker, den Gerd zitierte: Wie man schnell reich wird, kann einem niemand sagen – aber schnell arm wird man am zuverlässigsten, indem man versucht, schnell reich zu werden.
Das unterschätzte Risiko: die eigene Scheidung
Ein Thema, das in kaum einem Finanzratgeber fehlt, über das aber niemand gerne spricht: Scheidungen sind veritable Vermögensvernichtungsveranstaltungen. Anwälte, Gutachter, jahrelange Verfahren, extremer emotionaler Stress, vernachlässigte Unternehmen – es sind sogar schon Firmen pleitegegangen, weil Banken nach dem Wegfall einer Ehepartner-Bürgschaft Kredite gekündigt haben. Kommers Empfehlung ist unspektakulär und gerade deshalb wertvoll: der Ehevertrag, sinnvoll abgeschlossen vor der Heirat. Das ist keine Marotte der Autoren, sondern das kleine Einmaleins des Vermögensschutzes.
Das Konto in der Schweiz – bringt’s das?
Viele meiner Mandanten fragen mich nach Konten im Nicht-EU-Ausland. Kommers Klartext dazu: Wer steuerehrlich bleiben will und seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, für den bringt ein Depot in der Schweiz oder auf den Cayman Islands – nichts. Keine zivilrechtliche Schutzwirkung, keine politische Schutzwirkung, dafür höhere Kosten, mehr Komplexität und tendenziell erhöhte Aufmerksamkeit des Finanzamts. Der Grund ist das Welteinkommensprinzip: Wer in Deutschland wohnt, ist hier mit seinem weltweiten Einkommen steuerpflichtig, egal wo das Depot liegt. Umgehen lässt sich das nur durch Steuerhinterziehung – und deren Entdeckungsrisiko ist heute so hoch wie nie. Whistleblower, Datenlecks, Hacking, missgünstige Ex-Partner: Der Fall Zumwinkel lässt grüßen. Kommer sagt selbst, Deutschland sei ihm als Hochsteuerland zu teuer – aber die Antwort darauf sind legale Gestaltungen, niemals Illegalität.
Deutschland: schrumpfender Kuchen, aber kein Weltuntergang
Dass Kommer mit der deutschen Politik hadert, ist kein Geheimnis. Seine Diagnose im Gespräch: Seit fünf, sechs Jahren schrumpft die Wirtschaftsleistung pro Kopf – und wenn das weitere zehn Jahre so weiterginge, entstünden Verteilungskonflikte, die diese Gesellschaft kaum aushalten würde. Trotzdem bleibt er Optimist: Die Lösungen liegen auf dem Tisch, von der Rentenreform bis zum Gürtel-enger-Schnallen, und er traut der Gesellschaft die Lernfähigkeit zu, die Kurve zu kratzen. Nur zu langsam geht es ihm. Bemerkenswert fand ich seine Verteidigung des sogenannten Protestwählers: Wir sind alle Protestwähler, weil niemand eine Partei findet, die zu hundert Prozent seinen Überzeugungen entspricht. Man wählt immer das kleinste Übel – und genau deshalb sollte man wählen gehen.
Die für Anleger entscheidende Pointe: Gesellschaftlich und politisch leben wir in Deutschland, aber unser liquides Vermögen muss hier nicht gefangen sein. Der ökonomische Motor eines globalen Aktien-ETFs liegt zu 97 bis 98 Prozent außerhalb Deutschlands, bei Gold und Krypto sieht es ähnlich aus. Dieses Privileg der weltweiten Streuung haben Immobilieninvestoren nicht – kaum jemand kann gleichzeitig Experte für deutsche und mexikanische Wohnimmobilien sein. In mexikanische Aktien investieren kann dagegen jeder, ganz ohne Expertenwissen im Einzeltitel.
Steuern: die unsichtbare Kaskade
Beim Thema Steuern wurde Kommer dann richtig konkret – und rechnete eine Kaskade vor, die vielen nicht bewusst ist: Praktisch alle Steuern, die wir zahlen, sind Doppelbesteuerung. Eine Dividende wird erst auf Unternehmensebene mit grob 30 Prozent besteuert, dann beim Anleger nochmal mit gut 26 Prozent Kapitalertragsteuer samt Soli – zusammen sind wir bei rund 50 Prozent. Wird dieses Geld später vererbt oder verschenkt, können im Extremfall nochmal bis zu 50 Prozent abfließen. Und wer das Geerbte dann für ein Auto ausgibt, zahlt obendrauf die Umsatzsteuer. Deutschland hat laut Kommer die zweithöchste Steuer- und Abgabenbelastung für Arbeitnehmer weltweit, nur Belgien liegt noch darüber.
Sein Gegenentwurf ist der Blick auf die erfolgreichsten Gesellschaften der Welt – allen voran die Schweiz: weniger innergesellschaftliche Konflikte, und selbst die ärmsten zehn Prozent sind dort reicher als die ärmsten zehn Prozent bei uns. Was jeder gute Unternehmer macht, nämlich Best Practice von den Wettbewerbern abkupfern, sollten auch Politiker tun. Das hieße tendenziell: niedrigere Steuern, mehr Wachstum – und damit am Ende mehr Geld für Krankenhäuser, Kindergärten und die Rentenkasse. Stattdessen werde seit Jahren nur ein nicht mehr wachsender Kuchen neu verteilt.
Finanzbildung: das kollektive Versagen der Medien – und warum Kommer zur BILD geht
Ein Herzensthema von uns beiden: Finanzbildung. Kommers Abrechnung mit den traditionellen Medien fiel deutlich aus. ETFs gibt es seit über 30 Jahren, Indexfonds seit über 50 – und die öffentlich-rechtlichen Sender wie auch die klassischen Printmedien haben bei der Vermittlung dieses Wissens jahrzehntelang, in seinen Worten, komplett versagt. Schlimmer noch: Wenn Finanzthemen vorkamen, dann oft mit belehrender, kapitalismuskritischer Tonalität, das Börsencasino stets im Unterton. Die Folgen kann man messen: Bis vor wenigen Jahren investierten nur 8 Prozent der deutschen Haushalte in Aktien, in den USA 65 Prozent. Inzwischen sind wir immerhin bei 15 Prozent – nicht weil die Amerikaner schlauer wären, sondern weil ihnen jahrzehntelang niemand eingeredet hat, die Börse sei etwas Verwerfliches.

Genau deshalb geht Kommer bewusst dorthin, wo die Finanzbubble endet: Die BILD-Zeitung kam auf ihn zu, und er hat nicht gezögert. Denn wer in der Finanzbubble unterwegs ist, glaubt gerne, jeder kenne Gerd Kommer – die Realität sieht anders aus. Es gibt da draußen ein riesiges Publikum, das noch nie von ihm oder dem Weltportfolio gehört hat. Und genau das erreicht man nur über den Mainstream.
Zweieinhalb Stunden bei Ben ungeskriptet – und eine Absage an die Cancel Culture
Das prominenteste Beispiel für diesen Schritt aus der Bubble war Kommers Auftritt bei Ben ungeskriptet – über 500.000 Aufrufe, zweieinhalb Stunden Gespräch. Ich wollte wissen, wie er diesen Besuch erlebt hat, zumal Ben ja durchaus polarisiert: Kurz nach Kommer saß dort mit Björn Höcke ein Gast, für den andere Formate ihn heftig kritisiert haben.

Kommers Fazit fiel eindeutig positiv aus. Ben – mit bürgerlichem Namen Benjamin Bernd – sei ein unheimlich sympathischer Mensch, der kluge Fragen stellt und erstaunlich gut vorbereitet war; über dessen steuerrechtliches Detailwissen hat sich Kommer regelrecht gewundert. Vor allem aber hat Ben etwas geschafft, was vorher alle für unmöglich hielten: ein Format, in dem Gäste zwei, drei, vier Stunden einfach ausreden dürfen. Keine Kreuzverhör-Taktik, kein ständiges Unterbrechen, kein Versuch, den Gesprächspartner aufs Glatteis zu führen, damit er möglichst krasse Schlagzeilen liefert – und auch kein permanentes Kommentieren und Einordnen des Gesagten. Er lässt die Leute reden. Dass das funktioniert und Millionen erreicht, ist für Kommer echte Innovation.
Und dann wurde er grundsätzlich: Dass bestimmte Politiker versucht haben, Ben wegen seiner Gästeauswahl quasi vom Netz zu nehmen und jeden Diskurs regelrecht zu verbieten, hält Kommer für einer Demokratie unwürdig. Menschen pauschal in eine Ecke zu drängen und Gespräche zu verhindern, sei einfach der falsche Weg – wohlgemerkt von jemandem, der klarstellt, dass er die betreffende Partei nicht wählt. Eine deutliche Absage an die Cancel Culture, der ich mich nur anschließen kann: Ben lädt Gäste aus jedem Spektrum ein, ob Politiker, Sportler, Schauspieler oder eben Finanzleute – Hauptsache, sie haben etwas zu sagen.
Übrigens gab es am Ende noch eine Einladung in eigener Sache: Ich solle es doch auch mal bei Ben versuchen, drei, vier Stunden seien kein Problem – und das Studio sei besser klimatisiert als Kommers Münchner Büro. Mal schauen.
Bankkonto ist nicht Bankdepot
Im zweiten Teil ging es dann ans Eingemachte beim Thema Krypto und Sicherheit – ausgelöst durch ein Kurzvideo, in dem eine Kommer-Aussage ziemlich aus dem Kontext gerissen wurde. Was er tatsächlich meint: Bankguthaben oberhalb der gesetzlichen Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Bank-Kunde-Kombination sind nicht sicher. Bei einer Bankpleite fällt Kontoguthaben in die Konkursmasse. Ein Bankdepot dagegen ist rechtlich etwas völlig anderes – eine Art elektronisches Schließfach, dessen Inhalt auch bei einer Pleite der depotführenden Bank weiter dem Kunden gehört. Wer also größere Beträge auf Tagesgeldkonten parkt, sollte spätestens ab dieser Grenze über Geldmarktfonds-ETFs nachdenken. Und Vorsicht bei verlockenden Zinsen von Banken aus Ländern mit wackligem Bankensystem und schwacher Staatsbonität: don’t do it.
Beim Krypto-Thema selbst bleibt Kommer der moderat-nüchterne Beobachter: Wenn überhaupt, dann nur Bitcoin und Ethereum als kleine Beimischung – und zwar am besten als ETP einer namhaften Fondsgesellschaft im Depot einer deutschen Bank statt auf dem eigenen Cold Wallet. Die jüngsten Diebstähle von Cold Wallets zeigen, wie wenig massenkompatibel die Selbstverwahrung ist. Und absolute Sicherheit bietet auch der im Garten vergrabene USB-Stick nicht: Schätzungsweise bis zu 20 Prozent aller existierenden Bitcoins gelten als unwiederbringlich verloren, weil die Private Keys weg sind. Der berühmte Brite, dessen Festplatte mit Coins im heutigen Wert von hunderten Millionen auf einer Mülldeponie in Leeds liegt, kann ein Lied davon singen.
Spannend fand ich Kommers Begründung, warum Krypto trotz aller Skepsis „here to stay“ ist: Zu viele Menschen glauben inzwischen an die Grundideen dahinter – und das genügt. Seine Analogie: Gold hat seit Jahrtausenden einen Wert, obwohl es fast keine gewerbliche Verwendung hat; auch Kunst, Oldtimer oder alte Whiskys produzieren keinen Cashflow und sind trotzdem wertvoll. Dass Dinge Erträge abwerfen müssen, um Wert zu haben, stimmt eben nicht. Dazu kommt die Skepsis gegenüber Staaten und dem etablierten Finanzsystem, von der Krypto lebt und die nicht verschwinden wird – und, so unschön es klingt, die Schattenwirtschaft, die geschätzt ein Drittel der Weltwirtschaft ausmacht und für Krypto wertstützend wirkt. Man müsse die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten.
Deglobalisierung: ausgerechnet ein Argument FÜR das Weltportfolio
Die für mich beste Community-Frage: Lohnt sich das Weltportfolio überhaupt noch, wenn die Globalisierung als großer Renditetreiber rückwärtsläuft? Kommers Antwort ist herrlich kontraintuitiv: Für die Weltwirtschaft insgesamt ist die Deglobalisierung schlecht – aber für den global diversifizierten Anleger ist sie ein relativer Vorteil. Denn wenn Märkte und Regionen weniger stark miteinander korrelieren, steigt der Diversifikationsnutzen innerhalb des Weltportfolios: geringere Schwankungen, und die eigene Rendite liegt näher am erwarteten Marktergebnis. Die Strategie wird durch die Deglobalisierung also nicht falsch, sondern eher noch richtiger.
Daneben gab es Antworten auf Fragen zu Faktorprämien (in UCITS-Fonds ist naturgemäß nur die Long-Seite umsetzbar – grob die Hälfte der akademischen Long-Short-Prämien, und das ist okay so), zu Rohstoffen und Wandelanleihen (bei beiden ist Kommer inzwischen klar skeptisch) und zu den Umlaufrenditen zehnjähriger US-Staatsanleihen als Risikoprämien-Barometer. Und dann war da noch eine kleine Exklusiv-Nachricht: Ein Multi-Asset-ETF aus dem Hause Kommer ist in Arbeit – die aufsichtsrechtliche Zulassung läuft, in wenigen Monaten könnte es so weit sein. Das Weltportfolio-Konzept in einem einzigen Produkt, für alle, die keine sieben ETFs gleichzeitig besparen wollen. Was genau drinsteckt, bleibt vorerst ein Überraschungsei. Nur so viel: keine invers gehebelten Palmölplantagen.
Zum Schluss: Wahrscheinlichkeiten und ein Tango
Weil Gerd jemand ist, der in Wahrscheinlichkeiten denkt, musste er zum Abschluss in unserem kleinen Spiel Prozentzahlen liefern. Bitcoin fällt in zehn Jahren auf null? Etwa 5 Prozent. Der große KI-Crash in den nächsten sechs Monaten? Ebenfalls rund 5 Prozent. Ruhestand im Ausland? Für einen nennenswerten Teil des Jahres in Norditalien, Österreich oder der Schweiz durchaus 20 bis 40 Prozent. Noch ein aktiver Fonds in seinem Leben? 0,1 Prozent. Dass sein Multifaktor-ETF beim zehnjährigen Jubiläum die versprochene Outperformance gegenüber der Benchmark geliefert hat? 70 bis 80 Prozent – hundertprozentige Sicherheit gebe es bei Faktorprämien nun mal nicht, alles andere zu behaupten würde seinen eigenen Büchern widersprechen. Bei der Frage nach Enteignungen in Deutschland wurde es nochmal grundsätzlich: Enteignung sei ein großes Wort, aber es gebe auch enteignungsartige Zustände – Lenin habe sinngemäß gesagt, er brauche keine klassische Enteignung, eine Erbschaftsteuer von 100 Prozent genüge. Bei der aufaddierten Steuerlast sei Deutschland bereits in einem Terrain, in dem es nicht mehr weiter nach oben gehen sollte. Grundsätzlich ausschließen mag Kommer enteignungsartige Maßnahmen für die nächsten zehn Jahre leider nicht. Und ein Auftritt bei Let’s Dance? Unter 1 Prozent – wobei der passionierte Hobby-Tangotänzer durchblicken ließ, dass er bei attraktiver Tanzpartnerin und ordentlichem Preisgeld nicht zweimal überlegen würde. Liebe RTL-Redaktion, ihr wisst, was zu tun ist.
Gewinnspiel: Zwei signierte Bücher zu gewinnen
Ihr könnt zwei Exemplare von „Intelligent Vermögen schützen“ gewinnen – mit persönlichem Autogramm von Gerd Kommer. Das Hashtag-Wort dafür verrät Gerd am Ende von Teil 2. Schreibt es in die Kommentare, aber nicht nur das Wort: Erzählt gerne dazu, was ihr aus dem Gespräch mitgenommen habt, was euch gefallen hat und was nicht. Über euer Feedback freuen wir uns immer.
Beide Teile des Gesprächs findet ihr auf meinem YouTube Kanal. Verlinkung unter dem Artikel.
Sein aktuelles Buch findet ihr hier: Intelligent Vermögen schützen bei Campus

