Schwachstellen des passiven Investierens – und was ich davon halte
Begleitartikel zum YouTube-Gespräch mit Ferdinand Haas
Ferdinand Haas war früher für das passive Produktgeschäft bei der DWS verantwortlich – XTrackers war seine Produktpalette. Heute ist er überzeugt: Passiv investieren hat echte Schwachstellen. In unserem Gespräch hat er einige davon klar benannt. Ich teile nicht jede seiner Schlussfolgerungen – aber ich finde sie es wert, sie ernstzunehmen.
Was Haas sagt: Der MSCI World ist keine echte Streuung
Haas macht auf ein strukturelles Problem aufmerksam, das ich grundsätzlich nachvollziehen kann: Der MSCI World konzentriert rund 70 Prozent auf US-Aktien und hat etwa ein Viertel des Gewichts in nur zehn Unternehmen. Wer kauft, kauft also vor allem Amerika – und kauft die teuersten Unternehmen am stärksten, weil die Marktkapitalisierungsgewichtung genau das bewirkt. Tesla ist sein Lieblingsbeispiel: ein Unternehmen mit einer Gewinnrendite von unter einem Prozent, das trotzdem mit über zwei Prozent in jedem MSCI-World-Portfolio steckt.
Meine Einschätzung: Das Klumpenrisiko ist real und wird von vielen ETF-Anlegern unterschätzt. Wer das stört, kann mit einem MSCI ACWI oder einer BIP-gewichteten Variante gegensteuern. Aber: Die Marktkapitalisierungsgewichtung hat auch eine Logik – sie spiegelt wider, wo globales Kapital tatsächlich investiert ist. Das ist keine Fehlfunktion, sondern das Prinzip.
http://www.youtu.be/836tXE3_zR0?si=mHsTQ4VKTH7bd0W2
Was Haas sagt: Aktive Manager schlagen den Markt – wenn die Kosten stimmen
Das ist seine Kernthese. Im institutionellen Bereich – Staatsfonds, große Mandate – seien aktive Manager nach Kosten erfolgreich, weil sie für 15 bis 30 Basispunkte arbeiten statt für 1,5 Prozent. Das Kostenproblem sei kein Argument gegen aktives Management an sich, sondern gegen die Gebührenstrukturen im Privatkundengeschäft.
Meine Einschätzung: Hier bin ich skeptischer als Haas. Ja, niedrige Kosten verbessern alles – das gilt für aktive wie passive Produkte. Aber die Datenlage für Privatanleger bleibt eindeutig: Die große Mehrheit aktiver Fonds schlägt ihren Vergleichsindex nach Kosten langfristig nicht. Der entscheidende Punkt ist nicht, ob es gute aktive Manager gibt – die gibt es. Die Frage ist, ob man sie vorher identifizieren kann. Und da bin ich deutlich pessimistischer als Haas.
Was Haas sagt: „Passiv ist auch eine aktive Entscheidung“
Das ist der Satz aus dem Gespräch, der am meisten hängen bleibt – und er hat recht. Die Entscheidung, welchen Index man kauft, ist keine neutrale Entscheidung. MSCI World, ACWI, FTSE All-World, BIP-gewichtet, Faktor-ETF: Das sind sehr unterschiedliche Portfolios mit unterschiedlichen Risikoprofilen.
Meine Einschätzung: Zustimmung. Wer glaubt, mit einem ETF-Kauf jede Entscheidung delegiert zu haben, irrt. Aber das ist ein Argument für mehr Bewusstsein beim ETF-Kauf – nicht für den Wechsel zu einem aktiven Fondsmanager.
Was Haas sagt: Bitcoin ist ein Schneeballsystem kurz vor dem Kollaps
Das war die kontroverseste Aussage des Gesprächs. Haas bezeichnet Bitcoin explizit als Ponzi, der in die normalen Kapitalmärkte „metastasiert“ sei – Stichwort MicroStrategy – und dessen Zusammenbruch Schockwellen durch das Finanzsystem schicken werde.
Meine Einschätzung: Ich habe nur eine sehr keine Bitcoin-Position aus Test-Zwecken und werde auch keine größere eingehen. Die Bewertungsfrage von Bitcoin lässt sich seriös kaum lösen, weil es keinen inneren Wert gibt, an dem man sich orientieren kann. Haas‘ Warnung vor systemischen Risiken halte ich für berechtigt. Gleichzeitig: Das Ende des Bitcoin-Experiments wird schon seit Jahren prognostiziert – wie bei jedem Schneeballsystem: Man weiß, dass er irgendwann kommt, aber nicht wann.
Mein Fazit
Ferdinand Haas ist kein Verkäufer teurer aktiver Fonds – er kritisiert deren Gebührenstrukturen genauso scharf wie ich. Sein Kernargument lautet: Die Kosten sind das Problem, nicht das aktive Management selbst. Das ist ein valider Punkt, den man nicht wegdiskutieren sollte.
Trotzdem bleibe ich bei meiner Grundposition: Für die meisten Privatanleger ist ein kostengünstiges, breit gestreutes, passives Portfolio der beste Ausgangspunkt. Nicht weil aktives Management prinzipiell unmöglich funktioniert – sondern weil die Hürden für den Durchschnittsanleger zu hoch sind: die richtigen Manager vorher zu erkennen, Zugang zu institutionellen Konditionen zu bekommen und dabei diszipliniert zu bleiben.
Das vollständige Gespräch – mit allen Details zu Faktorfonds, Staatsfonds-Strategien und der Bitcoin-Debatte – gibt es im Video oben.
Hier Links zu einigen der erwähnten Fonds:
DWS Qi Eurozone Equity im Vergleich zum MSCI EMU und dem MSCI Europe (erwähnt bei 28:55):
https://www.fondsweb.com/de/vergleichen/ansicht/isins/DE0009778563,IE00B4K48X80,IE00B53QG562
Robeco Emerging Markets Fonds im Vergleich zum MSCI Emerging Markets (erwähnt bei 33:30): https://www.fondsweb.com/de/vergleichen/ansicht/isins/LU2937691843,IE00BKM4GZ66
Der erwähnte globale Invesco ETF im Vergleich mit dem MSCI World (erwähnt bei 34:05): https://www.fondsweb.com/de/vergleichen/ansicht/isins/IE00B4L5Y983,IE000TZ4SIN6
Der erwähnte Allianz Global Investor Fonds im Vergleich mit dem MSCI World (erwähnt bei 36:11): https://www.fondsweb.com/de/vergleichen/ansicht/isins/LU0951484251,IE00B4L5Y983
Update vom 6.4.2026:
Im Nachgang unseres Gesprächs hat mir Ferdinand Haas weitere Links und Unterlagen zur Verfügung gestellt, die seine Argumentation ergänzen.
Ich veröffentliche diese hier der Transparenz halber, damit sich jeder Zuschauer eine eigene Meinung bilden kann.
Link zu Studien:
https://www.afg.asso.fr/app/uploads/2001/06/Etudes_Fichier161-1.pdf
Morningstar-Links zu den besprochenen Fonds:
DWS QI AC Global: https://global.morningstar.com/de/investments/fonds/0P0001JBLO/kurs
DWS QI Eurozone: https://global.morningstar.com/de/investments/fonds/0P0001T4KI/kurs
Robeco EM Enhanced: https://global.morningstar.com/de/investments/fonds/0P0000VTJM/kurs


Hallo Thomas, ich schreibe hier, weil es sich auf die geschlossene patreon gruppe bezieht: die Stelle, wo er von einem Wechsel von einem nicht mehr so guten aktiven fond spricht und in einem etf „parkt“ bis er einen guten anderen aktiven findet, erinnert mich sehr an die 5 Punkte Strategie von Finanztest, ist Dir das auch aufgefallen? Ansonsten ein tolles Interview. Es war zu wenig Zeit, um vieles auszudiskutieren. Er hat mit seinen Sachen oft aufgehört als ich gehofft hatte, eine konsequenz aus seinen Thesen zu hören. Und Du hast manchmal nicht genug nachgehakt, weil du noch einen anderen Aspekt besprechen wolltest. Ein minutiös vorbereitetes nachfolgeinterview mit genau den offenen Fragen wäre großartig. Herzliche Grüße aus Kroatien ins Saarland, Fritz